Wenn Fremde sich berühren – auf einer Kuschelparty in Essen

Während der dreistündigen Kuschelzeit achten Ina Hinz und Ramon Poursaidi darauf, dass die Regeln eingehalten werden.
Während der dreistündigen Kuschelzeit achten Ina Hinz und Ramon Poursaidi darauf, dass die Regeln eingehalten werden.
Foto: FUNKE
  • 20 bis 35 Männer und Frauen besuchen die Kuschelpartys, die meisten regelmäßig
  • Klare Regeln setzen den Rahmen fest: kein Küssen, kein Sex
  • Veranstalter Ina Hinz und Ramon Poursaidi achten darauf, dass es jedem gut geht

Essen.. Die vielen Hände, die mich anfassen, kann ich nicht zuordnen. Ein Kopf liegt auf meinem Rücken, jemand streichelt meine Unterschenkel, eine Hand greift nach meiner und hält sie einfach nur fest, jemand berührt sanft meine Stirn. Auf dem Bauch liegend, die Augen geschlossen, weiß ich nicht, wer mir so nah ist. Ich kenne diese Menschen seit einer Stunde und doch fühle ich mich nicht unwohl zwischen ihren Körpern, die sich an meinen drücken.

Zwanzig Männer und Frauen sind in das Zentrum Einklang in Kettwig zur Kuschelparty gekommen. Wer sie sind, möchte nicht jeder beantworten, hier nennt man sich beim Vornamen und fragt nicht, wo der andere herkommt. Die Kennzeichen der Autos vor der Tür zeigen aber, dass die meisten einen etwas weiteren Weg auf sich genommen haben. Da ist Ingrid aus Wülfrath. Die 48-Jährige ist auf ihrer vierten Kuschelparty. Aus Neugierde kam sie das erste Mal, „und die Erfahrung war so positiv, ich habe mich so wohlgefühlt“. Später wird sie zwei Männer finden, mit denen sie die meiste Zeit des Abends verbringt, mit denen sie sich entspannt. Da ist Dirk, 45, aus Essen. Es ist sein zweites Mal heute. Zu Beginn sei er zurückhaltend gewesen, aber die Neugier hat gesiegt. „Ich wollte wissen, wie ich darauf reagiere, ich wollte mich selbst beobachten.“

Erogene Zonen sind tabu

Ramon Poursaidi und Ina Hinz veranstalten die Kuschelpartys seit Anfang des Jahres. Beide waren selbst jahrelange Kuschler, lernten sich so kennen und übernahmen schließlich die Partys, die schon zuvor im Zentrum Einklang stattgefunden hatten. „Wir brauchen uns nicht erklären für unser Bedürfnis, etwas Schönes zu erleben“, sagt Poursaidi.

Im Kreis sitzend hören die heutigen Kuschler ihm und Ina bei der Erklärung der Regeln zu: Erogene Zonen sind tabu, beim Mann der Intimbereich, bei der Frau auch die Brüste. Mag jemand eine Berührung nicht, soll er versuchen, das körpersprachlich auszudrücken – und auch sensibel auf die Wünsche anderer reagieren. Sexuelle Gefühle dürfen entstehen, aber man darf ihnen nicht nachgehen. Ina und Ramon bleiben für die dreistündige Kuschelzeit Ansprechpartner, passen auf, dass es jedem gut geht.

Die Teilnehmer stellen sich vor, sagen, was sie sich wünschen für diesen Abend, bevor die „Aufwärmphase“ beginnt. Das Licht ist gedämpft, Kerzen stehen auf dem Boden, im Hintergrund läuft ruhige Musik. Wir bewegen uns langsam im Raum, den Blick zu Boden gerichtet, finden uns in Zweiergruppen. Der Mann mir gegenüber nimmt meine Hände in seine, wir berühren uns sanft, tasten nach den Fingern des anderen, streichen über die Gelenke bis zum Ellenbogen.

„Ich bin überrascht, dass ich die Berührungen genieße“

Nach wenigen Minuten kreisen wir alle wieder umeinander, berühren Schultern und Hände, Arme und Haare und sollen schließlich in einer Dreierkonstellation zueinander kommen. Maria* und Bernd* (Namen von der Redaktion geändert) sind meine Partner für den Beginn des Abends. Hand in Hand mit ihnen gehe ich auf das Matratzenlager, lege mich auf den Bauch und lasse mich von ihnen streicheln. Die beiden kennen sich von einer früheren Kuschelparty, Maria fragt, ob ich Wünsche habe, irgendwo nicht berührt werden möchte. Ich verneine. Vier Hände wandern gekonnt von meinem Kopf bis zu den Füßen, massieren leicht meinen Rücken, kraulen die Haare, streichen über Po und Beine. Dass sie fremd sind, vergesse ich in diesem Moment, und bin überrascht, dass ich die Berührungen genieße.

Wir wechseln uns ab; dann beginnt das freie Kuscheln. Zuvor hatten Ina und Ramon noch mit sanften Weisungen angeleitet, nun sammeln sich alle Körper liegend in der Mitte, dürfen sich frei aneinander schmiegen. Da sind sie, die vielen nicht zuzuordnenden Hände. Ich streichle Körperteile ohne zu wissen, wem sie gehören.

Zwei ältere Männer schlafen vor Zufriedenheit ein

Irgendwann finden meine Finger die des ältesten Besuchers dieses Abends. Er ist Mitte 70, sitzt im realen Leben im Rollstuhl. Und nun liegt er auf der Matratze, hält meine Hände fest und lässt mich spüren, warum diese Veranstaltung etwas Besonderes ist, etwas, das jedem hier das so menschliche Bedürfnis nach Nähe stillen kann. Später legt er sich mit einem anderen älteren Mann in den Armen, die beiden schlafen vor Zufriedenheit ein.

„Die Leute sind entspannt und in Freude. Sie sorgen gut für sich“, hatte Ramon vor Beginn des Abends gesagt. Als ich mich verabschiede, drückt mich der Mann im Rollstuhl noch einmal ganz fest, gibt mir ein Küsschen auf die Wange und sagt aus vollem Herzen „Danke“. Ich fühle mich beglückt.

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