Wenn es um die Ehre geht

Martin Spletter
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Stoppenberg.  Burak fragt Abdul: „Sag mal, Abdul, glaubst du, du hast Ehre?“ Abdul zuckt mit den Schultern. „Nö“, murmelt er. „Brauch’ ich nicht.“ Da fangen viele an zu lachen. Denn so ein Satz, der ist ungewöhnlich. Wir sind in der Klasse 9c am Nord-Ost-Gymnasium. Burak und Abdul stehen vorne im Klassenraum. Sie sind 20 und 21 Jahre alt, studieren Politik, beziehungsweise gehen aufs Berufskolleg. Sie sind Repräsentanten des Programms „Heroes“, das in Duisburg bereits den „Zivilcourage-Preis“ erhalten hat.

Es geht um den Begriff der Ehre – wer Kevin oder Pascal heißt, der begegnet dem Begriff „Ehre“ womöglich leidenschaftslos, aber wessen Familie aus der Türkei kommt oder aus dem Libanon, bei dem ist das vielleicht ein bisschen anders.

Rollenspiele helfen

Am Nord-Ost-Gymnasium haben einige Schüler Familien, die mit dem Begriff „Ehre“ eine Menge anfangen können. Deshalb ist das „Heroes“-Projekt für einen Tag an die Schule gekommen, um über „Ehre“ zu sprechen. Abdul sagt: „Gute Bildung. Und Perspektiven, die ich mir geschaffen habe. Das, was ich erreichen kann. Das ist für mich Ehre.“

In Rollenspielen gestatten die „Heroes“ tiefe Einblicke in den Alltag von Migrantenfamilien. Als Beobachter versteht man plötzlich, wie Traditionen mit viel Druck und Autorität weitergegeben werden. Abdul und Burak spielen zwei Männer, die sich in der Teestube über ihre Töchter unterhalten: „Deine darf studieren? Wie bis’ du denn drauf? Das ist doch Zeitverschwendung! Finde gefälligst einen Mann, der sie ernähren kann!“, ruft Abdul. „Meine Tochter hab’ ich dem Hazan versprochen, mein Ehrenwort – und das bleibt auch so.“

Die Schüler der Klasse liefern Einwände. Ufuk führt ins Feld: „Der Abdul gibt seiner Tochter keine Chance!“ Abdul ist ganz in seiner Rolle und sofort gibt zurück: „Meine Tochter wird mir noch danken! Die Liebe kommt schon noch, nach der Hochzeit, das war bei mir auch so!“

Die „Heroes“ sprechen mit den Schülern später über Gleichberechtigung, Zwangshochzeiten, bis hin zu Ehrenmorden. Und dass es, ganz besonders auch für muslimische Frauen, ein Recht auf Bildung gibt. Ist das banal, besonders an einem deutschen Gymnasium? „Nein“, sagt Arnd Michel, der Sozialarbeiter des Nord-Ost-Gymnasiums, „die Schüler lernen Demokratie und westliche Werte, aber zu Hause hören sie wohlmöglich etwas ganz Anderes.“ Er hat die Erfahrung gemacht: Wenn die „Heroes“ ihre eigenen Väter oder Onkel spielen, „dann lachen erst alle“, sagt Arnd Michel. „Und dann können sie aber doch eine ganze Menge damit anfangen.