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Weinkrämpfe und sprechende Schnecken: Dieser Prozesstag war wie eine Mischung aus Sitcom und Melodram

Peter Sieben
Foto: Kerstin Kokoska
  • Frau und zwei Männer sollen Bekannten in Wohnung gelockt und gequält haben
  • Beschuldigte erzählt vor Gericht unter heftigen Weinattacken ihre dramatische Lebensgeschichte
  • Ihr Verlobter zititert derweil aus dem „Zauberer von Oz“

Essen. Vielleicht lag es ja an der Hitze im Gerichtssaal. Der zweite Prozesstag um zwei Männer und eine Frau, die einen Bekannten gequält und schwer misshandelt haben sollen, wirkte jedenfalls wie aus einem Drehbuch für eine Seifenoper: Irgendwo zwischen Melodram und alberner Sitcom.

Während die Staatsanwältin bei der Zeugenbefragung ständig die Namen der Beteiligten verwechselte, zitierte ein Beschuldigter plötzlich mit erhobenem Zeigefinger eine Schnecke aus dem "Zauberer von Oz" - das alles gipfelte in einem Weinkrampf seiner Verlobten.

Sie ritzten ihm den Arm auf und besprühten die Wunde mit Sagrotan

Die Geschichte dahinter ist höchst dramatisch: Im November 2016 soll Manuela S. zusammen mit Ex-Freund Uwe B. (52) und ihrem derzeitigen Verlobten Frank K. (47) den Vater ihrer Tochter in ihre Wohnung in Gelsenkirchen gelockt und brutal misshandelt haben.

Laut Staatsanwaltschaft ritzten sie dem Opfer, Tobias L., ein Kreuz in den Arm, besprühten die Wunde mit Sagrotan, schlugen ihn mit einem Schlagstock. Manuela S. soll ihren Ex-Lebensgefährten dann noch unterhalb der Augen blutig gebissen haben. Anschließend demütigten sie den Mann und schminkten ihn.

Neun Kinder von vier Männern

„Das tut mir alles so furchtbar leid“, sagt Manuela S. vor Gericht. Die Tat ist für sie offenbar die logische Konsequenz ihres schwierigen Lebens - das jedenfalls lässt sich ihren Ausführungen entnehmen, die sie unter Tränen von sich gibt.

Neun Kinder hat die 40-Jährige von vier verschiedenen Männern, ein zehntes starb kurz nach der Geburt. Das jüngste Kind sei „acht oder neun“ - so genau wisse sie das nicht.

Vom Vater sexuell missbraucht

Denn sie selbst hat die meisten ihrer Kinder nicht großgezogen. „Das Jugendamt hat sie in Pflegefamilien gegeben, weil ich immer wieder dem Alkohol zugesprochen habe“, wie sie sagt.

Die Biographie von S. klingt in der Tat nach einem Leben, das leicht aus den Fugen geraten kann. Als Kind muss sie ständig umziehen - weil ihre Mutter auf der Flucht vor dem Jugendamt alle paar Monate die Wohnung wechselt. Als Manuela S. 14 ist, missbraucht sie der wieder aufgetauchte Vater. Sie zeigt ihn an. Doch ihre Familie habe ihr nicht geglaubt, die Mutter und die Geschwister hätten ihr vorgeworfen, dass sie damit die Familie zerstöre.

Bruder hat sich erhängt

Sie bekommt noch im Teenager-Alter das erste Kind, verlässt die Schule in der siebten Klasse. Eine Ausbildung hat sie nicht. Ein Bruder von ihr ist inzwischen schon tot - er hat sich erhängt.

„Ich hab mir das ganze Leben Dinge antun lassen“, sagt Manuela S. - und wird von einem Weinkrampf geschüttelt. Ihr Ex-Lebensgefährte Tobias L. habe sie gestalkt und belästigt, deshalb sei „das alles passiert“.

Staatsanwältin: „Jetzt hackt es aber gewaltig“

„Jetzt sitzen wir hier wegen dir“, sagt sie in Richtung des Opfers. Zu viel für die Staatsanwältin. Mit lauter Stimme fährt sie die Beschuldigte an: „Jetzt hackt es aber gewaltig“.

Denn S. und ihre beiden Freunde sind bei ihrer Tat überaus brutal vorgegangen. Und auch bei ihrer Verhaftung zeigte sich S. überaus aggressiv, wie die 23-jährige Polizeibeamtin berichtet, die als Zeugin geladen ist.

„Willst du in meine Fotze gucken?"

„Willst du in meine Fotze gucken?“, habe S. zu ihr gesagt - und ihr dann unvermittelt fest in den Schritt gegriffen. „Das war sehr schmerzhaft“.

Immerhin: Manuela S. entschuldigt sich im Gerichtssaal dafür. „So ein Benehmen geht gar nicht, hoffentlich können Sie mir verzeihen“, sagt sie. „Wenn es aufrichtig gemeint ist, nehme ich die Entschuldigung an“, erwidert die junge Polizistin.

Für völlige Verwirrung sorgt dann der Beschuldigte Frank K. Mit großen Gesten trägt er dem Gericht die Geschichte seines Lebens vor, für die er sich vorher offenbar ein paar passende Pointen zurechtgelegt hatte.

„Ich würde mich als Workaholic bezeichnen“

„Ich würde mich selbst als Workaholic bezeichnen“, sagt der 47-Jährige mit dem fliehenden Kinn, der eine abgebrochene Bäcker-Lehre hinter sich hat, und seinen Beruf als Maler wegen einer Allergie seit über 20 Jahren nicht mehr ausführen kann.

Sein Vater sei mehrfacher Millionär, wie er neulich erfahren habe, und kürzlich gestorben, behauptet K. „Haben sie da nichts geerbt?", fragt ihn die Staatsanwältin. „Was? Wie? Nee, will ich auch gar nicht“ - so Frank K.

Zuletzt war er zeitweise in einem Callcenter beschäftigt. Unterhalt für seinen Sohn habe er immer gezahlt. „Also oft jedenfalls. Wenn ich konnte.“ „Ich werte das mal als klares Nein“, erwidert die Vorsitzende.

„Ich lebe mein Leben gemäß den Worten einer Schnecke“

Da erklärt K. ihr prompt ungefragt seine Lebensphilosophie: „Ich lebe mein Leben gemäß den Worten der Schnecke aus dem Zauberer von Oz. Die sagt nämlich: Wenn du kein Ziel hast, dann kommst du gar nicht erst an.“ Ob er das Gericht damit beeindrucken wollte? Die Vorsitzende jedenfalls quittierte seine Einlage trocken: „Beeindruckend, was sie so zitieren können. Wenn sie es doch bloß auch verinnerlicht hätten.“

Am Donnerstag wird der Prozess fortgesetzt, dann wird der Geschädigte aussagen.

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