Weil viele Kinder keins haben: Schule schafft Fahrräder an

Martin Spletter
Sie lernen in ihrer Grundschule im Essener Nordviertel Radfahren (v.l.):
Sie lernen in ihrer Grundschule im Essener Nordviertel Radfahren (v.l.):
Foto: Funke Foto Services
  • Mindestens zehn Prozent eines Drittklässler-Jahrgangs an der Schule kann noch nicht radeln
  • Bei Flüchtlingskindern sind es noch mehr, die noch nie auf einem Rad gesessen haben
  • Spende machte Anschaffung möglich – auch Bewegungs-Boxen wurden gekauft

Essen. In der vierten Klasse machen Grundschulkinder die Fahrradprüfung, stets gründlich vorbereitet und gut eingewiesen, und im letzten Jahr stellte Pamela Krüger mal wieder fest – sie ist die Konrektorin der Grundschule im Nordviertel: „Dass drei von 22 Kindern noch kein Fahrrad fahren konnten.“

Die Schule gehört zu den größten der Stadt. Zu den mehr als 300 Schülern, von denen die meisten ausländische Wurzeln haben, kommen nochmal 70 Seiteneinsteiger hinzu – Kinder ganz ohne Deutschkenntnisse, die meisten aus Kriegs- und Krisengebieten. „Bei den Seiteneinsteigern“, ergänzt Schulleiterin Betül Durmaz, „ist es noch verschärfter: Die meisten von ihnen haben in den letzten Jahren das Radfahren nicht lernen können.“

Keine Selbstverständlichkeit

Deshalb hat man im Nordviertel jetzt Fahrräder angeschafft, fürs Üben auf dem Schulhof hinter dem großen Schulgebäude an der Beisingstraße. „Eine Arbeitsgemeinschaft, die ,AG Radfahren’, ist im Offenen Ganztag entstanden“, erklärt Betül Durmaz. „Eine Honorarkraft bringt den Kindern, die noch nicht radeln können, das Ganze bei. So dass möglichst alle fit sind bis zur Fahrradprüfung.“

Mit diesem ungewöhnlichen Schritt dürfte die Schule eine der wenigen im gesamten Stadtgebiet sein, die sich auch dafür verantwortlich fühlt, dass Kinder vernünftig radeln können. Und entsprechendes Material zur Verfügung stellt.

Dass so etwas Banales wie Radfahren eigentlich zu Hause vermittelt wird, gehört dabei zu den Selbstverständlichkeiten, die längst keine mehr sind, zumindest nicht überall. Oder, wie die Schulleiterin und ihre Konrektorin es sagen: „Viele unserer Kinder haben schlicht und einfach kein Fahrrad.“

Lust auf Hüpfen und Springen

Das eigentliche Training für die Fahrradprüfung, von der Polizei begleitet, absolviert die Schule weiterhin und regulär auf dem Jugend-Verkehrsübungsplatz an der Grillostraße – von diesen Übungsplätzen gibt es vier, teilweise seit Jahrzehnten, betrieben von der Verkehrswacht.

Wenn eine Schule sich Fahrräder anschafft, muss man übrigens nicht glauben, dass das Geld dafür wer weiß wie locker sitzt. „Die Räder haben wir bei Ebay ersteigert“, berichtet Betül Durmaz. „Denn es sollte noch Geld für andere Bewegungs-Mittel übrig bleiben.“

Und so wurden noch 17 große Kisten angeschafft, für jede Klasse eine, und darin sind Dinge, die in den Pausen zum Turnen anregen: Springseile, Bälle – alles, was Lust macht aufs Hüpfen und Spielen. „Bewegung und Lernen“, sagt Betül Durmaz, „sind untrennbar miteinander verbunden, die Schule will hier vorbeugend wirken.“