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Weihnachtsmarkt Essen: Kunden rennen Kult-Stand die Bude ein – doch dafür zahlen die Besitzer einen hohen Preis

Foto: DER WESTEN/Christina Schärfl

Essen. Die Menschen stehen Schlange. Sieben Kunden warten vor der kleinen Hütte am Kennedyplatz in Essen. Der Duft von frischem Gebäck steigt in die Nase, fast wie in einer Backstube. Vanessa Broel schmiert mit einem Pinsel Pflanzenfett in die Mulden der Kupferplatten, die mit Gas beheizt werden. Dann füllt sie Teig aus einem großen weißen Eimer, der in der Ecke ihres Standes steht, in einen Trichter.

Mit dem Ende eines Kochlöffels aus Holz schiebt sie den Teig durch den Trichter in die Mulden der heißen Platte. Nach einer Minute dreht die 30-Jährige die kleinen Teilchen um und wartet eine weitere Minute, bis sie auch auf der anderen Seite goldbraun sind.

Essen: Poffertjes-Stand ist Kult am Weihnachtsmarkt am Kennedyplatz

Acht Poffertjes legt sie in eine essbare Waffel und stapelt sie aufeinander. Butter und Puderzucker drauf, fertig: Die erste Kundin aus Essen bekommt die holländischen Pfannkuchen über die Glastheke gereicht.

Jeden Morgen um halb 8 kommt Vanessa Broel an ihren Stand. Sie trägt einen roten Kapuzenpulli, knallig rote Lippen und rote Nägel. Ihr Aussehen ist ihr wichtig. „In einem Job, in dem man mit Kunden arbeitet, muss man gepflegt aussehen. Uns ist es wichtig, dass wir zu dem passen, was wir verkaufen, und dass wir alle gleich angezogen sind.“ Mal tragen die Mitarbeiter einen roten, mal einen blauen Pullover.

Der Weihnachtsmarkt öffnet erst um 11 Uhr, doch zuvor müssen bereits zahlreiche Vorbereitungen getroffen werden. Zuallererst bereitet Vanessa Broel Poffertjes-Teig zu, jeden Tag frisch - nach einer original holländischen Rezeptur. „Das Rezept stammt von der Oma von Günter. Es ist ein altes, absolut geheimes Rezept.“

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Poffertjes-Stand seit 47 Jahren auf dem Weihnachtsmarkt Essen

Günter, das ist der ehemalige Betreiber des Poffertjes-Standes am Weihnachtsmarkt Essen, der mittlerweile Vanessa und ihrem Mann gehört. Günter kommt aus den Niederlanden, gemeinsam mit seiner Frau eröffnete er den beliebten Stand vor 47 Jahren – in dem Jahr, in dem der Markt zum ersten Mal stattfand.

Vor neun Jahren starb Günter, seine Frau führte den Stand alleine weiter. Doch mittlerweile ist die Anstrengung auch für sie zu groß, sie wird bald 80. „Vor zwei Jahren übernahmen wir den Stand“, so die neue Besitzerin. Günters Frau übernahm die Einweisung, arbeitete noch einige Zeit mit. Heute kommt sie nur noch als Besucherin vorbei.

In der Ecke, neben der silbernen Kaffeemaschine und den vier großen Behältern mit Sprühsahne, steht ein Bild des Ehepaares. Es zeigt die beiden in ihrer Bude, sie strahlen in die Kamera. „Sie gehören einfach immer noch dazu“, sagt Vanessa Broel. Als sie das Foto anschaut, lächelt sie.

Teig wird täglich frisch zubereitet

Wie viel Teig sie täglich zubereitet, kann die blonde Frau nicht genau sagen. „Ich mache das nach Gefühl. Und schaue natürlich immer, wie das Wetter wird.“ An Regentagen, wie dem ersten Sonntag seit der Erföffnung am 15. November, bleibt die Kundschaft lieber zuhause. In ihrem Stand stehen muss Vanessa Broel aber dennoch. Die Stapel an Zutaten für den Teig, den die Wuppertalerin im Hinterraum ihrer Bude zubereitet, geben einen Hinweis darauf, wie viel Teig täglich verbraucht wird.

In einem Regal im hinteren Teil der Bude stehen Dutzende Päckchen Butter, neun Packungen Pflanzenfett, vier Paletten mit je 36 Eiern. 90 Prozent der Produkte, die Familie Broel für die Poffertjes benutzt, kommen aus den Niederlanden. Die Nähe zu dem Land, aus dem die Spezialität stammt, zu bewahren, ist den Besitzern wichtig. Die Schilder sind teilweise oder ganz in niederländischer Sprache beschrieben.

„Eet Smakelijk“ (Guten Appetit) oder „Out hollandsche Sepcialiteit“ (Eine holländische Spezialität) sind nur zwei Beispiele, die den Kunden sofort ins Auge fallen.

Ist der Teig fertig, kocht die Tochter einer Schaustellerfamilie Kaffee, füllt die blauen Servietten auf, heizt die Platten auf. Dann trinkt Vanessa Broel in Ruhe eine Tasse Kaffee, bevor der Weihnachtsmarkt öffnet und die ersten Gäste Poffertjes bestellen. Mittags und abends kommen die meisten Kunden.

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Stammkunden kommen viele Male im Jahr

Kurz nach der Öffnung des Weihnachtsmarktes um elf Uhr fängt schon langsam das Mittagshoch an. Ihren Job macht die Wuppertalerin gerne, das merkt man ihr an. Auch die Kunden wissen das. „Ich komme jedes Jahr zum Weihnachtsmarkt und jedes Mal hole ich an diesem Stand Poffertjes“, erzählt eine ältere Kundin, die neben der Hütte an einem überdachten, weihnachtlich dekorierten Tisch steht, und die holländischen Waffeln isst. „Es ist mein Ritual. Das mache ich bestimmt schon seit 20 Jahren so.“

Sie ist nicht die einzige Stammkundin. „Einmal Poffertjes bitte, wie immer!“ Dieser Satz ist häufig zu hören. Vanessa Broel kennt viele Kunden persönlich. „Namen kann ich mir nicht gut merken, Gesichter aber schon. Es ist schön, dass immer wieder die gleichen Kunden kommen.“ Viele von ihnen bringen eine Zehnerkarte mit: Für jede Portion Poffertjes gibt es einen Stempel, ist die Karte voll, geht die nächste Bestellung aufs Haus.

Die Kunden haben eine große Auswahl. Eine Kundin bestellt die klassische Variante – mit Butter und Puderzucker. Das sind die beliebtesten, verrät die Betreiberin. Daneben gibt es auch Eierlikör, Baileys, Grand Manier, Cointreau, Rum, Schoko- oder Vanillesauce als Topping.

Zwischen Kind und Weihnachtsmarktstand

Vanessa Broel steht am Ofen, macht für jeden Kunden frische Poffertjes. Außerhalb der Stoßzeiten befüllt sie nur 16 der 128 Mulden mit Teig. An den Wochenenden werden hingegen alle benötigt, dann muss es schnell gehen. Anders als zur Mittagszeit unter der Woche ist die 30-Jährige dann nicht alleine. Ihr Mann Daniel unterstützt sie, außerdem hat die Familie zwei Aushilfen, die für ein paar Stunden einspringen.

Auch an diesem Tag kommt Daniel Broel. Genau wie seine Frau stammt der 40-Jährige aus einer Schaustellerfamilie. Im Schlepptau: die gemeinsame Tochter. Weil die Tagesbetreuung ausfällt, muss die Zweijährige neben dem Geschäft im Stand betreut werden. „Das ist nicht ideal, aber es kommt nun mal, wie es kommt“, sagt Daniel Broel.

Eigentlich geht das kleine Mädchen in Wuppertal in den Kindergarten. Auch jetzt in der Vorweihnachtszeit, in der Familie Broel bei einem Onkel in Oberhausen lebt. Den Eltern ist es wichtig, dass ihre Tochter in einer gewohnten Umgebung aufwächst. „Das ist nicht immer leicht, weil wir das ganze Jahr über viel unterwegs sind.“

Feste Strukturen sind den Eltern wichtig

Ist nicht gerade Weihnachtsmarkt, ist der Schaustellerbetrieb in ganz Deutschland unterwegs. „Aber wir stellen sicher, dass unser Kind zwei- bis dreimal in der Woche in den Kindergarten in Wuppertal geht.“ Wenn sie älter wird, soll sie eine feste Schule besuchen. Dass ihre Tochter eine gute Ausbildung bekommt, ist Vanessa und Daniel Broel besonders wichtig.

Das Mädchen ist bereits die siebte Generation in der Schaustellerfamilie. Ob es seine Eltern einmal beerben wird? Das kann es selbst entscheiden. Dazu zwingen wollen sie die Kleine auf keinen Fall.

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Um 21 Uhr schließt der Weihnachtsmarkt

Nach dem Mittagshoch wird es wieder ein wenig ruhiger, dennoch ist der Stand gut besucht. Nach der Arbeit kommen viele auf den ein oder anderen Glühwein in die Essener Innenstadt – auch die Schlange am Poffertjes-Stand wird dann wieder länger.

Um 21 Uhr schließt der Weihnachtsmarkt unter der Woche. Doch für Vanessa Broel bedeutet das noch lange nicht Feierabend. Der Stand macht zu, doch dann beginnt für die Betreiber das Putzen. Die Kupferplatten müssen geschrubbt, die Arbeitsflächen sauber gemacht werden, das kann ein paar Stunden in Anspruch nehmen.

Ist das geschafft, fährt Vanessa Broel nach Oberhausen. Aber zu Hause ist sie nur zum Schlafen. Einige Stunden Nachtruhe gönnt sie sich – bevor sie am nächsten Tag um halb 8 wieder in ihrer Bude am Essener Weihnachtsmarkt steht.

Der Weihnachtsmarkt Essen ist noch bis zum 23. Dezember 2019 geöffnet.

 
 

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