Weg frei für Fahrrad, Bus und Bahn

Diese eine Vorbewertung bereitete dem Team aus Essen vor dem „Grüne Hauptstadt“-Finale große Bauchschmerzen. In der wichtigen Kategorie „Verkehr“ landete die Ruhrgebietsstadt in der ersten Runde nämlich nur auf Platz sieben von zwölf Bewerbern. Deshalb stellte sich vor dem Finale die Frage: Scheitert an dieser Schwäche am Ende die Essener Bewerbung um den Titel „Grüne Hauptstadt 2017“? „Nein“ lautet die Antwort. Für die Jury ist Essen die grünste aller Bewerberstädte – trotz vermeintlicher Schwächen im Bereich „Verkehr“.

Nun geht es darum, das Votum zu rechtfertigen. Die Stadt will das Thema Nahverkehr künftig stärker in den Fokus rücken. Das erklärte Simone Raskob im Vorfeld der Titelentscheidung. „Der ÖPNV ist ein Schlüsselfaktor für den Wirtschaftsstandort“, sagte die Umweltdezernentin und hatte dabei auch das Pendleraufkommen im Kopf. Derzeit verlassen täglich 88 000 Essener die Stadt, um zu ihrem Arbeitsplatz zu kommen. Dem stehen 140 000 Einpendler gegenüber. Diese Zahlen beweisen: Essen braucht die Busse und Bahnen zur Entlastung. Große Hoffnungen setzt man in diesem Zusammenhang auch auf den Rhein-Ruhr-Express, der den Bahnverkehr in NRW beschleunigen soll.

Der ÖPNV-Anteil am gesamten Verkehrsaufkommen ist in den vergangenen Jahren gestiegen. 1989 lag er noch bei elf Prozent. 2001 standen schon 16 und 2011 immerhin 19 Prozent in der Statistik. Bis 2020 soll der Anteil bei 21 Prozent liegen. In der Vergangenheit hat Essen viel in den ÖPNV investiert. So flossen zwölf Millionen Euro in einen neuen Streckenabschnitt der Straßenbahnlinie 109. Zudem wurden 76 Bushaltestellen und 16 Straßenbahnhaltestellen in jüngster Vergangenheit barrierefrei umgebaut. Durch größere Verknüpfungspunkte wie dem Verkehrsplatz Steele soll der Verkehr besser fließen.

Naturlinie 105 im Fokus

Außerdem hat die Essener Verkehrs AG eine Marke geschaffen, die das Thema Natur in den Vordergrund rücken soll. Die „Naturlinie 105“ fährt seit einem Jahr vom Emschertal ins Ruhrtal. Die Straßenbahn-Route erschließt Grünräume entlang der Trasse und weist auf Attraktionen hin. „Wir wollen sie stärker als Naturlinie etablieren“, sagte Raskob.

Bei diesen Projekten soll es aber nicht bleiben: Dem Ausbau des Straßenbahnnetzes wird in Essen weiter ein großer Stellenwert beigemessen, ebenso dem Thema „Barrierefreie Haltestellen“. Schließlich gibt es ein großes Fernziel: 2035 soll der ÖPNV-Anteil bei 25 Prozent liegen. Diese Zahl spielt im Essener Verkehrskonzept der Zukunft eine große Rolle: Denn 2035 sollen die Anteile der vier Verkehrsarten gleich sein. Neben den 25 Prozent im ÖPNV wären das jeweils ein Viertel für Fußgänger, Fahrradfahrer sowie für den motorisierten Individualverkehr – also Autos und Krafträder.

Aktuell ist das Ziel noch weit entfernt. 2011 machten Auto- und Motorradfahrer noch gemeinsam 54 Prozent aus. Das liegt auch an der Geschichte Essens: Im Zuges des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt vornehmlich für Autofahrer entworfen. Dass es irgendwann etwas wie den Klimawandel geben würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Negativ-Preis als Ansporn

Einen großen Ruck gab es 1991. Damals verlieh der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club (ADFC) Essen die Negativ-Auszeichnung „Rostige Speiche“ als fahrradunfreundlichste Stadt in Deutschland.

Für Freizeitradler hat sich danach eine Menge getan. Das liegt auch an der Umgestaltung alter Güterbahntrassen sowie am Projekt „Neue Wege zum Wasser“. An den Wochenenden sind viele Bürger zu sehen, die die Radwege nutzen, obwohl bei den Stadtrouten noch Luft nach oben besteht. Durch die Sanierung maroder Strecken und dem Ausbau des Radwegenetzes soll der Komfort für Radfahrer gesteigert werden. Ihr Anteil am Verkehr – da sind ist sich das Essener „Grüne Hauptstadt“-Team einig – muss deutlich steigen. Nach fünf Prozent im Jahr 2011 sollen es 2020 mindestens elf sein.

Beim Thema Radfahren blicken die Entscheider über die Stadtgrenzen hinaus. Essen sitzt mit am Planungstisch beim Projekt Radschnellweg Ruhr. Diese Fahrrad-Autobahn soll 101 Kilometer lang sein und die Städte Duisburg und Hamm verbinden. Simone Raskob würde solch eine „Fahrrad-Autobahn“ begrüßen. „Es ist ein Traum, auf alten Bahntrassen bis zum Rhein fahren zu können“, sagte die Grünen-Politikerin. „Das würde auch zum weiteren Zusammenwachsen der Metropole Rhein-Ruhr beitragen.“

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