WDR-Film über Essen löste 1983 „Aufruhr im Revier“ aus

Der WDR-Film startete im gepflegten Bredeney (links), und per Straßenbahn ging es über den Viehofer Platz (2.v. l.) in die angeblich düsteren Gegenden des Essener Nordens.
Der WDR-Film startete im gepflegten Bredeney (links), und per Straßenbahn ging es über den Viehofer Platz (2.v. l.) in die angeblich düsteren Gegenden des Essener Nordens.
Am Freitagabend lief im WDR-Fernsehen ein neuer Film über Essen. Vor genau 30 Jahren brachte eine düstere TV-Dokumentation über das Nord-Süd-Gefälle der Stadt viele Bürger und Politiker in Wallung. Im Rathaus bildete sich eine „Große Koalition des Zorns“, schrieb „Zeit“.

Essen.. Die neue WDR-Dokumentation über die Geschichte der Stadt, die vorab in dieser Woche auf Zollverein gezeigt wurde und am Freitagabend Abend im Fernsehen lief, hat viel Lob erfahren. Vor ziemlich genau 30 Jahren sorgte ein Film über die Stadt für andere Reaktionen.

Eine WDR-Fernsehdokumentation brachte im Herbst 1983 „Aufruhr im Revier“. Das schrieb damals die Wochenzeitung „Zeit“, die das Thema für sich entdeckt hatte. Im Rathaus bildete sich eine „Große Koalition des Zorns“, hieß es; der damalige SPD-Chef Peter Reuschenbach schrieb einen Wut-Brief an den WDR-Intendanten, und CDU-Fraktionschef Norbert Königshofen wetterte: Der Film habe dem „ganzen Revier“ geschadet.

Die Uni: ein "schwarzer Riese"

Der Gelsenkirchener Filmemacher Robert Hartmann war mit der alten Straßenbahnlinie 1 von Bredeney aus in Richtung Karnap gefahren. Er dokumentiert die Gegensätze der Stadt, zeigt hohe Buchsbaumhecken in den vornehmen Vierteln von Bredeney: „Hier ist Ruhe, hier singt die Nachtigall, hier spielen keine Schmuddelkinder auf den Straßen“, sagt dazu der Sprecher aus dem Off; sein Ton ist seltsam unbeteiligt, die Sprache literarisch bemüht; so etwas wirkt heute, 30 Jahre später, fremdartig und komplett aus der Zeit gefallen.

Man sieht einen Bredeneyer Kiosk, an dem das „Wall Street Journal“ verkauft wird, anschließend geht die Fahrt durch Rüttenscheid, dessen Mieten als „überteuert“ bezeichnet werden; „ein Asphaltviertel, fast ganz ohne Grün, aber ,in’“. Eine Seniorin: „Durch den Autoverkehr ist alles nicht mehr so schön wie früher.“

Die Uni: ein „schwarzer Riese“; die Architekten Hans Krabel und Heinrich Böll, die später in der Stadt viel Anerkennung für ihre Zollverein-Umbauten erwerben sollten, bemängeln den Uni-Bau als unmenschlich.

"Wir fressen hier den meisten Dreck"

Und dann: Karnap. Der geographische Tiefpunkt der Stadt sei „der Höhepunkt“, sagt der Sprecher. „Der große Umwelt-Saustall Emscherbruch.“ Man sieht verschmutzte Backsteinfassaden, düstere Häuserschluchten, ungepflegte Hinterhöfe. „Wir fressen hier den meisten Dreck“, empören sich Rentner vor der Kamera.

Das war zu viel: „Der Film zerstört“, schreibt SPD-Chef Reuschenbach an den WDR, „worum sich Johannes Rau und zehn Revierstädte seit Jahren mit Erfolg bemühen.“ Die SPD verlegt ihre nächste Fraktionssitzung demonstrativ nach Karnap. „Ganz bewusst“, kritisiert der damalige Fraktionschef Robert Malone, „blendet der Streifen die Verbesserungen der letzten Jahre aus.“

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