Was Essens einzige türkischstämmige Schulleiterin antreibt

Betül Durmaz (links) ist seit dem Früjahr 2015 Leiterin der Grundschule im Nordviertel. Hier eine Szene von der Übergabe einer Bücherspende – der „Soroptimist International Club Essen“ und die Buchhandlung Proust spendeten das Lehrmaterial. Neben der  Schulleiterin: Karin Kolb, Soroptimist Club, und Beate Scherzer, Proust.
Betül Durmaz (links) ist seit dem Früjahr 2015 Leiterin der Grundschule im Nordviertel. Hier eine Szene von der Übergabe einer Bücherspende – der „Soroptimist International Club Essen“ und die Buchhandlung Proust spendeten das Lehrmaterial. Neben der Schulleiterin: Karin Kolb, Soroptimist Club, und Beate Scherzer, Proust.
Foto: FUNKE Foto Services
  • Vorbehalte von Deutschen hat sie noch nie erlebt - im Gegenteil: Ihren Migrationshintergrund sieht sie als Vorteil
  • Die studierte Sonderpädagogin arbeitete vorher 15 Jahre an einer Förderschule
  • Direkt nach dem Abi machte Betül Durmaz aber erst mal etwas ganz Anderes: Sie flog als Stewardess um die Welt

Essen.. Im Sekretariat steht ein Techniker von der Stadt mit fragendem Blick. Er soll die Schulcomputer reparieren. „Wo sind denn die Geräte?“ Das Telefon klingelt, eine Mutter ist in der Leitung, und zwei Kinder klopfen gerade an die Zimmertür. Im Flur warten zwei Putzfrauen, die die Schlüssel brauchen. Alles, wie immer, gleichzeitig, bloß die Sekretärin: die kommt heut’ nicht.

So etwas ist Alltag an Essener Grundschulen. „Zwei Tage in der Woche kommt jemand fürs Sekretariat, an den anderen Tagen machen wir auch diese Aufgaben selbst“, sagt Betül Durmaz, die Schulleiterin.

Mehr als 300 Kinder an der Grundschule

Sie übernahm die Grundschule im Nordviertel, eine der drei größten Grundschulen der Stadt, vor gut einem Jahr, und dürfte somit die einzige Schulleiterin im Stadtgebiet sein, die türkische Wurzeln hat. „Einerseits verschafft mir mein Migrationshintergrund sicher einen Bonus. Ich stehe nicht zwischen zwei Kulturen, ich bin in zwei Kulturen zu Hause.“ Andererseits: Sie hat in ihrem langen Berufsleben auch schon erlebt, dass besonders streng gläubige Muslime ihr mehr oder weniger direkt zu verstehen gaben: „Du bist ja gar keine richtige Muslima.“ Ansonsten, Vorbehalte deutscher Kollegen? „Kenne ich nicht. Ich bin immer überall sehr nett aufgenommen worden.“

An der Grundschule im Nordviertel gibt es mehr als 300 Kinder, die meisten mit ausländischen Wurzeln. Über 30 Lehrer, acht Erzieher, zwei Standorte. Mehr als 20 Nationen, Dazu: 70 Seiteneinsteiger, also Kinder ohne jede Deutschkenntnisse. „Die große Fluktuation“, sagt Betül Durmaz, „ist die größte Herausforderung.“ Flüchtlings-Eltern stünden häufig von jetzt auf gleich in der Tür, wollten ihr Kind anmelden, sprächen aber nur Arabisch. Die anderen, großen Herausforderungen: Das spärlich besetzte Sekretariat. Ein fehlender, fester Hausmeister. „Alle drei Wochen bekomme ich derzeit jemand Neues geschickt.“

Sinnvolle Arbeit

Doch Betül Durmaz sagt über ihren Job: „Nichts anderes möchte ich machen. Man merkt in jeder Sekunde, dass man gebraucht wird, dass diese Arbeit sinnvoll ist.“

Bevor sie ins Nordviertel kam, war sie 15 Jahre lang Lehrerin an einer Förderschule in Gelsenkirchen. Die studierte Sonderpädagogin unterrichtete verhaltensauffällige Schüler. „Mir liegen besondere Kinder am Herzen.“ Dann übernahm sie vertretungsweise die Leitung einer Grundschule in Gelsenkirchen. Ihr Name heißt wörtlich übersetzt: „Die, die nicht stehen bleibt.“

Der Anfang war anders

Dabei hatte sie mal ganz anders angefangen. Aufgewachsen in Bochum, wollte sie nach dem Abi erst mal weg: „Nichts mehr mit Schule zu tun haben“, flog zehn Jahre als Stewardess für die Lufthansa um die Welt. „Nur Langstrecke, alle interessanten Ziele, das war eine verrückte Zeit.“ Doch weil sie sich daran erinnerte, „dass ich immer schon gerne etwas mit Kindern gemacht habe“, fing sie zeitgleich das Studium der Sonderpädagogik in Dortmund an. „Ich hatte mich beraten lassen; es hieß, an Sonderpädagogen würde es bald mangeln.“ So wie heute übrigens auch wieder.

Und jetzt? Weiß der Techniker mittlerweile, wo die Computer stehen. Die Mutter am Telefon weiß Bescheid. Die Schüler sind versorgt. Die Putzfrauen haben den Schlüssel. Und Betül Durmaz muss in den Unterricht. Den gibt sie auch noch. „Unsere Schule“, sagt sie, „ist viel mehr als eine Schule. Für viele Kinder sind wir Heimat und Zuhause.“

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