Warum sich in Essen die Energiewende mitentscheiden könnte

Janet Lindgens
Auch andere forschen an der Power-to-Gas-Technologie.
Auch andere forschen an der Power-to-Gas-Technologie.
Foto: Eon
Das Gas- und Wärme-Institut in Essen forscht derzeit daran, wie man künftig in großem Stil Strom zu Gas machen kann. Das Verfahren Power-to-Gas könnte eine Lösung für das größte Problem der Energiewende sein.

Essen. An der Hafenstraße könnte sich das Schicksal der deutschen Energiewende mitentscheiden: Direkt neben dem Stadion von Rot-Weiss Essen sitzt das Gas- und Wärmeinstitut (GWI), und dort forschen die Experten derzeit daran, wie eines der größten Probleme der erneuerbaren Energien gelöst werden kann: der bislang fehlende Speicher. Denn: Wind und Sonne gibt es nicht immer dann, wenn auch Strom gebraucht wird.

Seit Herbst 2013 haben sich die Forscher des GWI auf den Weg gemacht, an einer Lösung zu arbeiten. Es ist wohlgemerkt eine Lösung – am Ende werden wohl viele gebraucht. In einem Projekt geht es darum, aus Strom mittels Elektrolyse Wasserstoff zu gewinnen und diesen dann dem herkömmlichen Erdgas beizumischen.

Das ist vor allem interessant, weil viele Windräder im Norden stehen, die meisten Gas-Verbraucher aber südlicher in NRW, Hessen oder Bayern leben. Der Ausbau der Stromtrassen von Nord nach Süd kommt bekanntermaßen nicht voran. „Gasnetze und Gasspeicher dagegen sind bereits vorhanden“, sagt Janina Senner, die das Thema beim GWI betreut.

Deutschland verschenkt Strom ins Ausland

Doch was so einfach klingt, ist in der Praxis alles andere als simpel. Zwar gibt es bereits Elektrolyse-Anlagen in der chemischen Industrie. In Zukunft aber müssen sie flexibler werden. Denn die Anlagen brauchen bislang kontinuierlich Strom, was aber bei Wind und Sonne nicht immer gewährleistet ist.

Das zweite Problem: Der Wasserstoff kann nur zu einem kleinen Teil dem Erdgas beigemischt werden. Um größere Mengen einzuspeisen, müsste er methanisiert werden – und das ist noch teurer. Die Kosten, um diese Speichermöglichkeit auszubauen, sind der größte Hemmschuh, räumt Klaus Görner, wissenschaftlicher Vorstand beim GWI ein. Schließlich sind die Energiekosten auch wegen der Energiewende heute schon hoch. Andererseits, gibt Görner zu bedenken, dass Deutschland derzeit zum Teil Strom ins Ausland verschenkt, bzw. noch draufzahlt.

Virtuelles Institut gegründet

Die Strom-zu-Gas-Technologie bietet nach Ansicht von Senner Chancen für verschiedenste Anwendungsbereiche: beispielsweise im Mobilitätssektor für Erdgasantriebe oder Brennstoffzellen oder fürs Heizen mit KWK-Anlagen, was am Ende auch kleine Speicher sind. „Wir werden sehen, welche Bausteine sich am Ende wirtschaftlich durchsetzen.“

Die Essener forschen jedoch nicht allein an dem komplexen Thema. Sie sind Teil eines virtuellen Institutes, das sich 2013 bildete. Die Idee stammt aus dem USA, wo sich Forschungseinrichtungen mit ihrem Know how zusammenschließen, ohne gleich wieder teure administrative Einheiten zu bilden. Die Essener koordinieren dabei die technologische Seite. Das EWI Köln die wirtschaftliche.

Wann und in welcher Größenordnung Strom zu Gas ein Speicherbaustein der Energiewende werden wird, steht in den Sternen. Es werden wohl noch mehrere Dekaden vergehen, meint Görner.