Warum sich ein 24-Stunden-Dönerimbiss in Essen rechnet

Claudia Pospieszny
Das türkische Restaurant Bizim Corbaci an der Altendorfer Straße hat täglich 24 Stunden geöffnet. Kellnerin Güler Fatma Mutla, Geschäftsführer Bülent Dogan und  Koch Ferdi Sonmez  bei der Nachtschicht. Foto: cp
Das türkische Restaurant Bizim Corbaci an der Altendorfer Straße hat täglich 24 Stunden geöffnet. Kellnerin Güler Fatma Mutla, Geschäftsführer Bülent Dogan und Koch Ferdi Sonmez bei der Nachtschicht. Foto: cp
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Die Konkurrenz schläft, Bülent Dogan nicht: Der Gastronom betreibt an der Altendorfer Straße in Essen ein orientalisches Restaurant. Das Besondere: Es ist 24 Stunden am Tag geöffnet. Redakteurin Claudia Pospieszny hat ihn morgens um vier Uhr besucht.

Essen. Morgens um 4 (in Worten: vier) wartet Bülent Dogan auf Kundschaft und man fragt sich schon, woher die kommen soll. Döner gibt es und Spieße, Linsensuppe und Hühnchen-Eintopf. Lecker, keine Frage. Aber ob sich mit diesen Auslagen ein Rund um die Uhr-Programm - womit das türkische Restaurant Bizim Corbaci für sich wirbt - gestalten lässt, mag man bezweifeln. Die Idee also liegt nahe, dass im dichten Netz orientalischer Gastronomie an der Altendorfer Straße der Konkurrenzkampf zu drastischen Maßnahmen drängt.

Vier Uhr morgens ist eine prima Zeit

Dafür wiederum ist vier Uhr morgens eine prima Zeit. Das Restaurant Asil Urfa Ocakbasi (Entfernung: 50 Meter Luftlinie) hat geschlossen, bei Özerler Kuruyemis (70 Meter Luftlinie) brennt kein Licht und auch hinter den Scheiben von Öz Gaziantep (80 Meter) ist es noch dunkel. Die Konkurrenz schläft, Bülent Dogan nicht.

Das muss sich nicht erst herumsprechen. In grünen Neonbuchstaben blinkt es in die dunkle Nacht: „24 Stunden“. Und damit hat sich das Ende Januar eröffnete Restaurant in der ehemaligen Sparkassen-Filiale bereits etabliert. „So früh am Morgen kommen zum Beispiel Taxi-Fahrer hierher“, sagt Geschäftsführer Dogan. Auch auf dem Weg zur oder von der Arbeit mache die Kundschaft Halt.

Mittelmeerszenen und türkische Musik

Nun muss man einschieben: Es ist etwas völlig anderes, sich als Redakteur am Schreibtisch zu fragen, wer vor dem Morgengrauen türkische Küche genießt, als um diese Zeit zum Test anzutreten. Ich ordere Kaffee und um viertel nach vier - endlich etwas wacher - bekommt die Umgebung Konturen. Schwere Stühle mit dunklem Lederbezug, Mittelmeerszenen mit hübschen Details sind an die Wand gemalt, türkische Musik plätschert leise durch den Raum.

Plauderatmosphäre für die Herren an einem Vierertisch – jenseits einer Trennscheibe. „In orientalischen Restaurants“, sagt Dogan, „ist das nichts Besonderes.“ Die Erklärung liefert er gleich mit: Der Mann also schaue gern nach den Frauen und eben die wolle man durch die Teilung im Restaurant davor schützen. Hier die Taxi-Fahrer auf Nachtschicht, die darüber debattieren, wann denn nun der Warnstreik beginne, um sich an einem Bahnhof postieren zu können – auf der anderen Seite der „geschützte Bereich“.

Ab 7 Uhr Büfett

Was natürlich auch ein strategischer Schachzug ist. Ab 7 Uhr - im Rund um die Uhr-Betrieb ist Abwechslung gefragt - bietet das Team um Dogan ein Büfett mit kalten und warmen Speisen an, „da treffen sich hier sehr viele Frauen zum Frühstück.“ Familien-Betrieb zur Mittagszeit, ach, bis in den späten Abend hinein.

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Ruhe kehrt im Bizim Corbaci-Restaurant (zu deutsch: Unser Suppengeschäft) nie ein. So nutzt man zumindest die Atempausen, die sich während der schwächer besuchten Zeiten bieten. Gleich vier Angestellte werkeln in der Küche, schrubben im hinteren Bereich die Böden, füllen die Posten auf.

"Altendorf ist wie Bismarck in Gelsenkirchen"

Dass dies Konzept aufgeht, zeigt sich bereits im Bochumer „Suppengeschäft“, das allerdings in der Nacht die Pforten schließt. „Altendorf ist eher wie Bismarck in Gelsenkirchen“, sagt Dogan, womit er den Standort der zweiten Rund um die Uhr-Filiale meint.

Ob es dort auch Döner-Läden dicht an dicht gibt? Günstige Preise, gute Qualität, das sei alles, was man im Buhlen um den Kunden in den Ring werfen könne. Doch die Essener Konkurrenz schläft auch ohne 24 Stunden-Betrieb nicht: Mit Schülerpreisen wirbt ein Döner-Laden an der Kerckhoffstraße. Und nicht selten wird, will man das Preis-Leistungs-Verhältnis eines türkischen Lokals ausloten, zuerst nach dem inoffiziellen Richtwert, dem „Döner-Preis“, gefragt. Dogan kennt diese Vergleiche und relativiert: „Wie weit kann man mit dem Preis runtergehen, ohne Abstriche bei der Qualität machen zu müssen?“ Dem Preisdumping wolle man sich also nicht anschließen.

Willkommen in der Döner-Gasse

Überhaupt wertet der Geschäftsführer die Döner-Dichte im Stadtteil Altendorf nicht negativ. Was der Unternehmensberater für Migranten, Andrè Pabst, als „Basar-Mentalität“ beschreibt. Orientalische Märkte seien schließlich auch nach Warengruppen gegliedert, eine Gewürzgasse, eine für Stoffe und eine für das Kunsthandwerk. So ist es nur folgerichtig, dass man bei der Standortsuche nicht nach einem Ortsteil sucht, in dem man allein türkische Speisen anbietet, sondern man bittet zu Tisch in die Dönergasse – gern auch rund um die Uhr.