Warum Essen-Haarzopf ein eigensinniges Dorf ist

Ein Blick vom Stubertal in Richtung Haarzopf Mitte.
Ein Blick vom Stubertal in Richtung Haarzopf Mitte.
Foto: WAZ FotoPool
Haarzopf ist grün und ländlich. Das verdankt der Stadtteil auch einem selbstbewussten Bürgerverein. Folge 25 der Stadtteil-Serie „60 Minuten in...“.

Essen.. Wenn Horst Holtwiesche den typischen Haarzopfer beschreibt, dann fällt ihm nur ein Begriff ein: eigensinnig. „Die Stadt hat wenig Freude an uns, weil wir Haarzopfer schnell auf die Barrikaden gehen und uns wehren, wenn uns ein Bebauungsplan nicht passt“, sagt der Vorsitzende des Bürgervereins und der Stolz in seiner Stimme ist unüberhörbar.

Drei Mal haben die Stadtplaner bereits Anlauf genommen, um aus Kleingärten Wohn- und Gewerbegebiete zu machen, drei Mal sind sie an dem vehementen Widerstand der Haarzopfer gescheitert. Das klingt ein bisschen nach dem berühmten unbesiegbaren Dorf in Gallien, ein Vergleich, der Horst Holtwiesche durchaus gefällt. „Wir sind ja auch irgendwie ein Dorf“, sagt der gelernte Elektriker, der seine Geburtsstätte an der Hatzper Straße nie verlassen hat. Was dazu führt, dass er seinen Stadtteil nicht nur wie die eigene Westentasche kennt, sondern bekannt ist wie ein bunter Hund.

„Jetzt zeige ich erstmal die schönen Seiten Haarzopfs“, sagt er und spaziert auf dem Haarscheidtweg Richtung Flughafen. Schnell lassen wir die bebauten Flächen hinter uns, dann gibt es nur noch Wiesen, Felder und einen schönen Weitblick, „der mein Herz immer wieder höher schlagen lässt“, sagt Holtwiesche. Rausgehen und sofort im Grünen sein, das sei so typisch für Haarzopf.

Kreative und Künstler im Kotten Keyenburg

Ein paar Meter weiter treffen wir im Henningweg auf ein Stück Geschichte: Der Kotten Keyenburg, ein großes altes Hof-Ensemble mit mehreren Gebäuden, war das letzte Gehöft Haarzopfs, das noch landwirtschaftlich genutzt wurde. Heute leben in dem hübschen Backsteinhaus mit den grünen Fensterläden Kreative und Künstler.

Gegenüber wurde in den vergangenen Jahren viel neu gebaut. Vor allen junge Familien zieht es in die gleichförmigen Reihenhäuser, die „wie warme Semmeln weggehen“, sagt der 63-Jährige, den die Bebauung nicht unbedingt fröhlich stimmt. „Die Tennisplätze am Sonnenscheinsweg sollen demnächst auch zugunsten von Wohnhäusern verschwinden. Wir müssen weiter scharf aufpassen, dass nicht ganz Haarzopf zugebaut wird.“

Haarzopfer pflegen Bürgerpark

Mittlerweile sind wir am Bürgerpark angekommen: Das Stückchen städtisches Grün, dessen Bepflanzung und Pflege die Haarzopfer übernommen haben, wirkt nach Sturm Ela ein wenig trostlos. Gegenüber stehen drei Asylheime, die, wie die Flüchtlingsunterkunft in der Hatzper Schule, von ehrenamtlichen Bürgern betreut werden.

Hier hört man schon das Rauschen des Verkehrs: Die nahe gelegene Hatzper Straße gehört wie die Raadter Straße zu den Hauptachsen Haarzopfs. Letztere wird aber auch als günstige Verbindung zwischen A52 und A40 genutzt. 25.000 Fahrzeuge täglich hat die Stadt Essen unlängst hier gezählt, „deswegen brauchen wir dringend Querungshilfen, die Haarzopf entlasten“.

An der Kreuzung beider Straßen steht das neue, künstliche Zentrum des südwestlichen Stadtteils. Die neue Mitte ist nicht schön, bietet aber alle Einkaufsmöglichkeiten – nicht nur für die alteingesessenen Haarzopfer, sondern auch für die Neubürger, die in den schicken Häusern entlang der Fulerumer Straße leben. „Da entstehen noch ein paar Häuserblöcke“, sagt Holtwiesche ein wenig resigniert. Gerne würde er die Zeit aufhalten und sein Haarzopf so bewahren, wie es ihm lieb ist. „Ich weiß, dass ich manches nicht verhindern kann. Aber ich gebe nicht auf.“

Alle bisher veröffentlichten Folgen finden Sie auf unserem Spezial zur Serie / Folge 28: Südostviertel / Folge 27: Margarethenhöhe / Folge 26: Heidhausen / Folge 25: Haarzopf / Folge 24: Altendorf / Folge 23: Stoppenberg / Folge 22: Werden / Folge 21: Holsterhausen / Folge 20: Dellwig / Folge 19: Rellinghausen / Folge 18: Horst / Folge 17: Südviertel / Folge 16: Rüttenscheid / Folge 15: Byfang / Folge 14: Schuir / Folge 13: Karnap / Folge 12: Bredeney / Folge 11: Fischlaken / Folge 10: Kray / Folge 9: Leithe / 8: Nordviertel / 7: Kettwig / 6: Frohnhausen / 5: Altenessen / 4: Kupferdreh / 3: Vogelheim / 2: Schönebeck / 1: Heisingen / zur Galerie mit allen Essener Stadtteil-Wappen

 
 

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