Warum die Evag ihre Busfahrer alt aussehen lässt

Der Evag-Busfahrer Peter Hoffmann steckt in einem Simulationsanzug mit zusätzlichen Gewichten am Brustkorb, Beinen und Armen - dazu eine Brille, die für schlechtere Sicht sorgt und ein Kopfhörer, der Geräusche dämpft. So wird ihm klar, warum ältere Fahrgäste beim Ein- und Aussteigen mehr Zeit brauchen.
Der Evag-Busfahrer Peter Hoffmann steckt in einem Simulationsanzug mit zusätzlichen Gewichten am Brustkorb, Beinen und Armen - dazu eine Brille, die für schlechtere Sicht sorgt und ein Kopfhörer, der Geräusche dämpft. So wird ihm klar, warum ältere Fahrgäste beim Ein- und Aussteigen mehr Zeit brauchen.
Foto: FUNKE Foto Services
Senioren brauchen mehr Zeit zum Ein- und Aussteigen. Damit Essener Busfahrer dafür Verständnis aufbringen, werden sie im Training in ein Korsett gesteckt.

Essen. Mach dich älter – 30, 40, gar 50 oder gleich 60 Jahre. Das ist quasi eine Dienstanweisung der Essener Verkehrsgesellschaft. Die Evag will bis Ende 2020 alle 575 Evag-Busfahrer im Rahmen der Weiterbildung einmal in einen speziellen Anzug stecken, der einen alt aussehen lässt. Die Beine und die Knie wollen nicht mehr richtig, die Augen sehen schlecht und mit dem Hören war es auch schon mal besser. Ruckzuck hat der Mitarbeiter die Gebrechen eines weit über 80-Jährigen. Zum Glück nur für einen Moment.

Busfahrer Peter Hoffmann war wieder ganz der Junge, nachdem er das schwere und drückende Korsett endlich abgelegt hatte. Noch vor wenigen Sekunden wog er 24 Kilo mehr. Die Gewichte steckten in einer Weste, in Manschetten an Armen und Knien.

Evag will Busfahrer sensibilisieren

Er konnte nur mühsam gehen, das Einsteigen in den Bus mit dem Rollator fiel ihm sichtlich schwer, der Atem ging schwer, das Gewicht presste den Brustkorb, die bleiernen Hände zitterten, als er nach dem Geldbeutel griff, um einen Fahrschein zu kaufen. Eine Sonderbrille verschlechterte seine Sicht, ein Kopfhörer beeinträchtigte sein Hörvermögen. „Das war eine wichtige Erfahrung“, sagt er später. Die Evag will mit diesem Simulations-Set ihre Busfahrer sensibilisieren. „Wir wollen, dass sie sich besser in die alten Menschen hinein versetzen können, und wir wollen für mehr Verständnis werben, dass es beim Ein-und Aussteigen länger dauert“, betont Evag-Sprecher Olaf Frei.

Das Verkehrsunternehmen hat schon seit Jahren seine älteren Kunden stärker im Blick. Ihre Zahlen steigen und steigen. Mittlerweile ist jeder fünfte Abo-Kunde über 60 Jahre alt. Frei: „Der demografische Wandel vollzieht sich in Essen und im Ruhrgebiet schneller als anderswo. Die Senioren sind eine immer wichtigere Zielgruppe für uns. Darauf müssen wir uns einstellen.“

„Das Dilemma ist, dass der Fahrer den Fahrplan einhalten soll

Dazu dient auch die Berufskraftfahrerweiterbildung, die alle fünf Jahre vorgeschrieben ist und bei der unter anderem der Umgang mit Senioren geschult wird. Seit dem vergangenen Jahr setzt der Leiter der Evag-Fahrschule, Karl-Heinz Füssel, den Alterssimulationsanzug ein und betrachtet ihn inzwischen als festen Bestandteil für das Busfahrer-Training. Sein Ziel: Bis 2020 soll jeder Evag-Fahrer einmal am eigenen Leib spüren, warum die Senioren einen Gang zurückschalten müssen.

„Das Dilemma ist, dass der Fahrer den Fahrplan einhalten soll“, weiß Olaf Frei. Angesichts der vielen Staus und Behinderungen im täglichen Verkehrst ist das schwer genug. Wenn sich dann auch noch der Kunde beim Ein- und Aussteigen Zeit lässt, wird so mancher Fahrer ungeduldig. Doch ältere Fahrgäste können nicht schneller, und darauf sollen die Fahrer besondere Rücksicht nehmen. Das ist der Zweck der Übung.

 
 

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