Wählen Sie das Stück zum 125-jährigen Grillo-Jubiläum

Das Grillo-Theater mit seinem neobarocken Portal um die  Jahrhundertwende. Foto:Stiftung Ruhr Museum
Das Grillo-Theater mit seinem neobarocken Portal um die Jahrhundertwende. Foto:Stiftung Ruhr Museum
Das älteste Stadttheater des Reviers steht in Essen. Im Herbst 2017 wird 125-jähriges Bestehen gefeiert. Publikum entscheidet über Premierenstück.

Essen.. In diesen Tagen, an denen viel über gute und schlechte Wahlen, über schicksalhafte und folgenreiche Nominierungen geredet wird, da dürfen auch die Essener ein Kreuzchen machen. Hier heißt die Frage allerdings nicht „Clinton oder Trump“, sondern Fallada oder Ibsen, Lessing oder Labiche?

Wenn das Grillo-Theater im September 2017 sein 125-jähriges Bestehen feiert, dann entscheidet das Publikum nämlich über die Eröffnungs-Premiere. „Wünsch dir was“ heißt die vom Schauspiel Essen und der Funke Mediengruppe ausgeschriebene Aktion, die das Publikum zum Spielplan-Gestalter macht. Fünf Stücke aus drei Jahrhunderten stehen dabei zur Auswahl und natürlich sind es allesamt Stoffe, die sich mit dem Bürgertum im Wandel der Zeit beschäftigen, vom ersten bürgerlichen Trauerspiel, Lessings „Emilia Galotti“, bis zur saftigen Großbürger-Farce, Labichs „Das Sparschwein“.

Grillo-Witwe Wilhelmine setzt das Versprechen um

Schließlich kann sich die Kultur im Ruhrgebiet, anders als in anderen Regionen, nicht auf höfische Traditionen und aristokratisches Erbe berufen, sondern ist über die Jahrzehnte auch durch das finanzielle Engagement des Bürgertums gewachsen, durch Stifter, Gönner und Mäzene, die Anfang des vergangenen Jahrhunderts beispielsweise die kostbare Folkwang-Sammlung nach Essen holten oder schon am Ende des 19. Jahrhunderts das erste Stadttheater des Ruhrgebiets bauen ließen.

Dem Großindustriellen Friedrich Grillo ist es zu verdanken, dass das erste Sprechtheater in Essen entstand, lange vor Bochum, Duisburg und Dortmund. Schon im Oktober 1887 hatte Grillo die damalige Stadtverordnetenversammlung mit der Mitteilung überrascht, der Stadt ein Theater schenken und dafür eine halbe Million Mark stiften zu wollen. Obwohl er bereits kurz nach der Ankündigung verstarb, setzte seine Witwe Wilhelmine das Versprechen um. Am 16. September 1892 wurde das Theater in der Innenstadt eingeweiht. Eine Bühne für alle Bürger der Stadt – und die dürfen zum Geburtstag nun mitentscheiden, wenn es um die Stückauswahl geht.

Theater-Dramaturgen haben „Patenschaften“ übernommen

Schon haben unzählige Theaterfreunde ihre Stimme abgegeben, doch natürlich verdient jedes nominierte Stück auch noch mal eine ganz persönliche Fürsprache. In der Dramaturgie des Schauspiel Essen hat man deshalb die Rollen neu verteilt– und „Patenschaften“ für die einzelnen Stücke vergeben.

Chefdramaturgin Vera Ring begeistert sich für die mitreißenden Figuren in Falladas „Kleiner Mann, was nun?“, ihr Kollege Florian Heller ist von Dürrenmatts Groteske „Der Besuch der alten Dame“ hingerissen, während sich Jana Zipse für Gotthold Ephraim Lessings „Emilia Galotti“ erwärmt. Und Eugène Labiches „Sparschwein“ ist Chef-Sache für Intendant Christian Tombeil geworden. Das erste Stücke-Plädoyer kommt in dieser Ausgabe von Dramaturgin Carola Hannusch (siehe Zweittext), die sich für den „Volksfeind“ von Henrik Ibsen ausspricht. Weitere Stücke-Empfehlungen folgen in Kürze.

Das sind die Stücke – und so machen Sie mit:

Wählen Sie Ihren Favoriten für das Eröffnungsstück der Spielzeit 2017/2018 und schicken Sie dessen Nummer an die E-Mail-Adresse marketing@waz.de.

1. Gotthold Ephrain Lessing: Emilia Galotti (1772)

2. Eugène Labiche: Das Sparschwein (1864)

3. Henrik Ibsen: Ein Volksfeind (1882)

4. Hans Fallada: Kleiner Mann, was nun? (1932)

5. Friedrich Dürrenmatt: „Der Besuch der alten Dame“ (1956)

Das sind die fünf zur Wahl stehenden Stücke:

3. Henrik Ibsen: Ein Volksfeind Held oder Verräter? Beim Badearzt Stockmann dreht sich das Blatt ganz schnell. Erst will er seine Mitbürger vor den Gefahren des verseuchten Heilwassers warnen, doch bald wird er durch seinen Aufklärungs-Furor zum Feindbild der ganzen Gesellschaft, die sich vom florierenden Thermalbad Wohlstand und Touristenzuspruch verspricht. Stockmann wird zum „Volksfeind“. Für Theater-Dramaturgin Carola Hannusch ist Ibsens „Volksfeind“ ein absolut zeitgemäßes Stück, es zeige Figuren, eingeklemmt „zwischen moralischen und kapitalistischen Zwängen“. Für Hannusch ist vor allem Stockmann eine „phänomenale Figur“ und vielleicht „der erste Whistleblower der Geschichte“: „Man schätzt das, was er durchsetzen will, aber je faschistoider das wird, desto mehr kommt man ins Grübeln.“ Die Qualität des Stücks sei zudem, dass es bis heute viel über unsere bürgerliche Gesellschaft erzähle und es den Zuschauern nicht allzu leicht mache, Position zu beziehen.

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