Vor 35 Jahren wurde Essen U-Bahn-Stadt - Evag warb mit „Sag Du zum U“

Flotte Hostessen mit töfften T-Shirts: Ein Foto aus dem Werbeheft von 1977. Bild: Evag
Flotte Hostessen mit töfften T-Shirts: Ein Foto aus dem Werbeheft von 1977. Bild: Evag
Foto: Stadtbildstelle Essen
Es gab eine Eröffnungsparty, bei der die Flasche Bier nur 50 Pfennig kostete, eine Werbebroschüre mit dem Titel „Sag Du zum U“ warb für die ersten neun U-Bahn-Kilometer, von denen fünf in Essen lagen. Seit 1977 rollt die U-Bahn durch Essen. 35 Jahre später spricht das Heft spricht Bände über den Zeitgeist jener Jahre.

Essen.. Vor 35 Jahren wurde Essen U-Bahn-Stadt. An Pfingsten 1977 feierten Stadt und Evag die Einweihung der ersten richtigen Strecke: Es ging vom damaligen Wiener Platz, heute Hirschlandplatz, bis Mülheim-Heißen – über Hauptbahnhof, Bismarckplatz, Savignystraße, Hobeisenbrücke, Breslauer- und Wickenburgstraße nach Mülheim. Es gab eine Eröffnungsparty, bei der die Flasche Bier nur 50 Pfennig kostete, ein aufwändig produziertes Heft mit dem Titel „Sag Du zum U“ warb für die ersten neun U-Bahn-Kilometer, von denen fünf in Essen lagen. Das Heft, gedruckt in der beachtlichen Auflage von 300 000, spricht Bände über den Zeitgeist jener Jahre, in denen baulich wie finanziell so gut wie alles möglich zu sein schien, und zwar bis in alle Ewigkeit. 451 Millionen DM hatte der U-Bahn-Bau bis dahin verschlungen, zwölf Jahre waren vergangen; man hatte riesige Löcher gerissen – an der Nordseite des Hauptbahnhofs zum Beispiel, und Horst Katzor, der damalige Oberbürgermeister, nannte den Handelshof abfällig „Omas alten Eckzahn“: Das Gebäude verhindere „den großzügigen Ausbau des Bahnhofsvorplatzes“.

Was man damals mit „großzügigem Ausbau“ meinte, kann man heute in Steele oder den Hochhaussiedlungen der Oststadt ganz gut besichtigen. Schon in den Sechziger Jahren hatte man übrigens ernsthaft über einen Abriss des Handelshofs nachgedacht, um damals dort „Horten“ neu bauen zu lassen. Der Handelshof blieb, dafür musste das Rathaus weichen – die alte, traurige Geschichte.

„Beachtlicher Mut“

Die Autoren von „Sag Du zum U“ attestierten den Verantwortlichen jedenfalls „beachtlichen Mut“, in den Sechziger Jahren erstmals den Beschluss zum Bau einer U-Bahn zu fassen. Als erstes entstand 1967 das Stück Hauptbahnhof bis Saalbau: 560 Meter. Kabarettist Dieter Hildebrandt sprach von der „schnellsten U-Bahn der Welt“: „Man ist noch nicht richtig drin, da ist man schon auch wieder draußen.“ Das änderte sich erst an Pfingsten ‘77. „Sag Du zum U“: Darin ist recht kraftmeierisch die Rede davon, „dass bis zur Fertigstellung weiterer Strecken wie der Ost-West-Spange die alte Straßenbahn auch noch unterirdisch anzutreffen ist.“ Heute weiß man: Die eigentümliche Lösung, dass zwei verschiedene Spurbreiten streckenweise in ein- und demselben Gleisbett unterwegs sind, siehe Rüttenscheider Stern, 107 und U11, blieb kein Provisorium. Sondern wurde Dauerzustand. Und der Plan von einer U-Bahn bis Steele und Borbeck: Utopie. Als letztes wurde im Herbst ‘01 die Nordstrecke eingeweiht. „Die Kosten weiterer Strecken waren und sind nicht aufzubringen“, sagte der damalige Oberbürgermeister Reiniger. „Das hatten und haben wir zur Kenntnis zu nehmen.“ Was für ein anderer Ton. Was für eine Ernüchterung.

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