Essen

Vier Bankkunden lassen Mann (82) sterben. „Ich hätte geholfen“, sagst du? Warum das vielleicht nicht stimmt

Peter Sieben
Ein Bild aus der Überwachungskamera der Bank: Vier Menschen haben den sterbenden 82-Jährigen einfach ignoriert.
Ein Bild aus der Überwachungskamera der Bank: Vier Menschen haben den sterbenden 82-Jährigen einfach ignoriert.
Foto: Polizei Essen / dpa
  • 82-Jähriger lag in Essener Bank auf dem Boden
  • Vier Kunden stiegen einfach über ihn hinweg, ohne zu helfen
  • Psychologe: Die Gründe dafür sind komplexer, als wir glauben

Essen. Ein Mann liegt leblos am Boden. Vier Menschen stiefeln über ihn hinweg. Erst der Fünfte hilft. Was da in einer Essener Bank passiert ist, hat viele von euch schockiert. Uns auch.

Klar: Wir können jetzt die vier, die nicht geholfen haben, als Unmenschen verurteilen und uns selbstzufrieden zurücklehnen. Ganz so einfach ist das aber leider nicht.

Wie hättest du reagiert?

Mal ne fiese Frage: Wie hättest du denn reagiert, wenn du an dem Tag in der Bank gewesen wärst? Deine spontane Antwort: „Natürlich hätte ich dem Mann geholfen.“

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Das Doofe: „Die vier Leute aus der Bank hätten vorher auf diese Frage mit Sicherheit genauso geantwortet“, glaubt der Psychologe Sebastian Bartoschek. Warum haben sie dann nicht geholfen?

„Das soll jemand anders machen“

„Die Gründe, warum Menschen in solchen Situationen so reagieren, sind komplex“, so Bartoschek.

Aus psychologischer Sicht gibt es demnach zwei Erklärungsansätze.

Grund 1: Die „inattentional blindness“, also die unbeabsichtigte Blindheit. Bartoschek erklärt das so: „Es kann theoretisch passieren, dass Menschen auf eine Sache derart konzentriert sind, dass sie ihre Umwelt einfach nicht wahrnehmen.“

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Falls nicht, will ich nicht spoilern - probier es einfach aus.

Grund 2: Die Diffusion der Verantwortung. „Je mehr Menschen da sind, desto weniger fühlen wir uns für ein Problem verantwortlich. Wir denken dann: Soll das doch jemand anders machen.“ Vielleicht haben die Leute gedacht: „Der Mann ist einfach besoffen, irgendein Bankmitarbeiter wird sich da schon drum kümmern.“

Zunehmende Verunsicherung in sozialen Situationen

„Dazu kommt, dass es eine zunehmende Verunsicherung der Menschen in sozialen Situationen gibt“, glaubt Bartoschek.

Viele wüssten einfach oft nicht, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten sollen - und reagieren dann einfach gar nicht.

„Bei dieser Geschichte kommen wahrscheinlich mehrere dieser Effekte zusammen“, so der Psychologe. Inwieweit sich die vier Nicht-Helfer strafbar gemacht haben, müssen Gerichte klären.

Wenn wir sie aber als böse und gefühlskalte Unmenschen abstempeln, machen wir es uns zu leicht.

Das können wir daraus lernen

Was können wir denn aus dem Fall lernen? „Man sollte sich immer sagen: Wenn ich nicht helfe, dann hilft keiner. Also muss ich was tun“, findet Bartoschek.

Vielleicht muss man sich dann mal einen blöden Spruch anhören, wenn man wildfremde Leute fragt, ob alles in Ordnung ist. Aber wenigstens stirbt dann keiner.

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