Videokamera filmte Pierre Pahlke am Tag seines Verschwindens

Gerd Niewerth
Pierres spurloses Verschwinden wühlt die Menschen auf: hier in Frillendorf, in Essen, sogar weit über die Stadtgrenzen hinaus.
Pierres spurloses Verschwinden wühlt die Menschen auf: hier in Frillendorf, in Essen, sogar weit über die Stadtgrenzen hinaus.
Foto: Gerd Niewerth
Am Mittwoch haben Polizisten auf der Suche nach dem vermissten Pierre wieder im Heim des 21-Jährigen nach Spuren gesucht. Eine Überwachungskamera filmte Pierre bei seinem letzten Einkauf in seinem Lieblingsgeschäft "Trinkgut". Seine Betreuer stehen unter Schock. Ein Besuch in Pierres kleiner Welt.

Essen. „Den Pierre kennen wir hier alle.“ Monika Schleifenbaum, der Leiterin des „Trinkgut“-Getränkemarktes in der Manderscheidtstraße, steht das Entsetzen an diesem Mittwochmorgen ins Gesicht geschrieben. Und zugleich die Ratlosigkeit über das Schicksal des verschwundenen Stammkunden. „Wenn ich mir vorstelle, was Pierre zugestoßen sein könnte, kriege ich ‘ne Gänsehaut“, fügt ihre Kollegin Marion Müller, die Kassiererin, hinzu. Und sagt einen Satz, den so viele kopfschüttelnd über die Lippen bringen: „Er ist so ein hübscher Junge, so lieb und immer gut gekleidet.“

Stephan Zietsch, der Lagermitarbeiter, spult im Raum nebenan die Aufnahmen der Überwachungskamera zurück – auf Dienstag, den 17. September. Auf den Tag, an dem der geistig behinderte Pierre Pahlke spurlos von der Bildfläche verschwand: ein 21-jähriger Erwachsener mit dem Entwicklungsstand eines Vier- bis Siebenjährigen. Die Kamera liefert schwarz-weiße Bewegtbilder, die der fieberhaft suchenden Polizei sehr nützlich sein könnten. Um 15.15 Uhr hatte er hier das letzte Mal sein Lieblingsgetränk, einen Isodrink, gekauft. „Manchmal kam Pierre sieben Mal am Tag“, erzählt die Marktleiterin. „Oft hatte er nur 20 Cent bei sich und wollte den ganzen Laden kaufen.“

Pierres spurloses Verschwinden wühlt die Menschen auf: hier in Frillendorf, in Essen, sogar weit über die Stadtgrenzen hinaus. Und tief im Internet. „Bei uns gehen stündlich Hinweise ein, selbst aus Orten, die wir gar nicht für möglich halten“, berichtet Polizeisprecher Peter Elke.

Wie der geistig behinderte Junge Pierre ein neugieriger Erwachsener wurde

In der „Heimstatt-Engelbert“, wo Pierre Pahlke seit gut einem Jahr lebt, stehen ebenfalls alle unter Schock: seine Mitbewohner, die Betreuer, die Leiterinnen. Karin Kacem, die Geschäftsführerin, kämpft mit den Tränen. Der Druck, der auf den Verantwortlichen in der „Heimstatt-Engelbert“ lastet, ist gewaltig. Schließlich steht der unausgesprochene Vorwurf im Raum, ihr Haus habe die Aufsichtspflicht möglicherweise grob verletzt und trage deshalb eine Mitschuld an Pierres Verschwinden. Eine quälende Frage, die so manchem hier schlaflose Nächte bereitet.

Als Pierre Pahlke im Juli 2012 in die Heimstatt-Engelbert kam, sah Bereichsleiterin Manuela Krienen-Schräpler einen „überbehüteten und verunsicherten Jungen“ vor sich, „der sich anfangs hinter jedem Gebüsch versteckte“. Zwölf Monate später habe Pierre riesige Fortschritte gemacht. „Trau dich was“, hatten sie ihm Mut gemacht. Und tatsächlich. Pierre traut sich immer mehr: zuerst kleine Spaziergänge und dann die vielen Einkäufe. „Das Kind Pierre entwickelte sich zusehends in einen jungen Erwachsenen, der neugierig ins Leben schaut“, gibt die Bereichsleiterin zu Protokoll. Seine andere Seite: Wenn er seinen Willen nicht bekommt, erzählen sie, sei er oft „pampig“ und „trotzig“.

Netto-Kassiererin: Pierre hatte nur 50 Cent für eine Flasche Isostar 

Pierres überschaubare kleine Welt – das ist das Heim, der Trinkgut-Markt nebenan und der Netto-Discounter in der Hubertstraße. Bei Trinkgut fängt er an, ein Ritual zu entwickeln: Er kauft sein tägliches Mixgetränk und plaudert dann angeregt mit anderen Kunden. „Das hat er regelrecht zelebriert“, sagt Manuela KrienenSchräpfler. Und bei Trinkgut fügen sie hinzu: „Alle mochten ihn.“

Pierres kleine Welt haben die verzweifelten Eltern in den letzten Tagen regelrecht zugepflastert mit Vermissten-Meldungen. Sie hängen an Bäumen und Laternen, in Supermärkten und Haltestellen. Es ist ein dramatischer Hilferuf, der unter die Haut geht.

Er hängt auch bei „Netto“, wo Pierre Pahlke am 17. September zuletzt um 19 Uhr gesehen wurde. „Ich habe ihn bedient“, sagt die Kassiererin, selbst Mutter von zwei Kindern. Ob ihr etwas aufgefallen ist? „Nein, ich habe nichts Verdächtiges bemerkt“, erwidert sie. Pierre habe nur 50 Cent dabei gehabt – für eine Flasche Isostar. Dann atmet sie durch und schweigt.

Die Polizei schließt nicht aus, dass Pierre Pahlke auf dem Netto-Parkplatz zu Unbekannten ins Auto gestiegen ist. Am Mittwochmorgen haben Beamte in der Heimstatt-Engelbert wieder nach Spuren gesucht. Sieben Tage nach seinem Verschwinden wird eine „schlimme Straftat“ nicht mehr ausgeschlossen. Ein schrecklicher Gedanke, dem die Menschen in der Manderscheidtstraße Optimismus entgegegensetzen. „Wir hoffen, dass es Pierre gut geht“, sagt Karin Kacem.