Vertuschter Missbrauch kommt ans Licht

Foto: Arnold Rennemeyer
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Essen.. Vor Jahren missbrauchte ein Pater in Essen 46 Kinder. Nun machen die Salesianer Don Boscos den lange vertuschten Fall öffentlich. Strafrechtliche Folgen hat der Täter aber nicht mehr zu befürchten.

Es ist 37 Jahre her, und es ist nie vergangen. Martin Schneider (Name geändert) war damals zehn Jahre alt und konnte nicht benennen, was ihm geschah; heute weiß er: Es war Missbrauch. Der Täter war ein Pater der Salesianer Don Boscos. Das ist ein katholischer Orden, der sich der Jugendarbeit verschrieben hat und bundesweit 35 Einrichtungen betreibt, darunter das angesehene Don-Bosco-Gymnasium und den gleichnamigen Jugendclub in Borbeck.

Jetzt haben sich die Salesianer zu jenem Schuldbekenntnis durchgerungen, auf das Betroffene jahrelang gewartet haben. Im Mai legten sie einen Bericht zur „Aufklärung von Misshandlungen und Missbrauch“ vor, in dem der Peiniger von Martin Schneider als „schwerwiegender Fall“ auftaucht: 46 Opfer des Paters Rainer K. sind heute bekannt, die meisten stammen aus Essen. Die Taten setzten sich über 20 Jahre fort. Unfassbar?

Begabt und geachtet

Das hat auch Pater Franz Ulrich Otto (59) gedacht, der Provinzialvikar der Salesianer in München ist. Er hat den Bericht mit erarbeitet, hat Akten gelesen und mit Opfern gesprochen. Außerdem war er als junger Mann selbst von 1972 bis 1974 im Don-Bosco-Club in Borbeck tätig - just zu der Zeit, da auch K. in Essen war. „Der war Heilpädagoge und hochgeachtet.”

Freilich war K. schon als Berufseinsteiger in der Erziehungs-Einrichtung Helenenberg bei Trier auffällig geworden. Kleinere Vorfälle waren das, doch die Staatsanwaltschaft ermittelte. „Leider wurde das Verfahren eingestellt. Die Justiz dachte genau wie K.’s Vorgesetzte, mit einer Verwarnung sei es getan”, sagt Pater Otto. Man schickte K. 1973 nach Essen, betraute ihn mit der Erziehungsberatung für Eltern. Doch der begabte Pater empfahl sich bald für andere Aufgaben, vertrat mal einen Religionslehrer, machte sich im Don-Bosco-Club nützlich - ohne offiziellen Auftrag.

Auch Pater Otto erinnert sich, dass er K. als Begleiter für ein Pfadfinder-Lager engagierte. „Das war ja einer, der Leute begeisterte!” Angefasst habe er auf der Freizeit niemanden. „Das war nicht sein Stil. Er hat erstmal die Chance genutzt, um das Vertrauen einiger Jungen zu gewinnen.” K. sei strategisch vorgegangen, habe sogar die Eltern der Opfer umgarnt. „Das ist der niederschmetterndste Fall, den ich kenne: Der setzte all seine Fähigkeiten für dieses Ziel ein.“

So erlebte es auch Martin Schneider, der als Zehnjähriger mit in Dänemark war. „Der K. hat mich in dem Pfadfinder-Lager an Land gezogen. Ich war ein sozial ganz schwaches Kind: Wer sich mir zuwandte, der hatte mich.“ In Essen habe K. ihn anfangs auf sein Zimmer eingeladen, sich später - weil das unauffälliger war - in Schulräumen mit ihm getroffen, ihm Gitarre beigebracht, sich um ihn gekümmert.

Martins Eltern versprach K.: „Ich kann etwas für Ihr Kind tun.“ Das klang vertrauenswürdig aus dem Munde eines Paters und Heilpädagogen mit Doktortitel. Intelligenz- und Persönlichkeitstests habe er mit Martin gemacht und als Therapie Autogenes Training empfohlen. „Das nutzte er, um auf eine körperliche Ebene zu kommen, hat es schleichend ausgebaut. Da war keine Spur von Gewalt, das war sehr suggestiv, die Bonbon-Masche.“

Vertrauen der Kinder missbraucht

Mit diesem „therapeutischen Setting”, habe K. alle seine Taten kaschiert, bestätigt Franz Ulrich Otto. Er habe das Vertrauen der Kinder missbraucht, sie psychisch abhängig gemacht. Es gebe Opfer, die sich bis heute selbst Vorwürfe machten, weil sie sich damals nicht wehrten. Martin Schneider weiß, dass auch Außenstehende K.’s Taten verharmlosen, weil keine offene Gewalt im Spiel war. „Die sollten sich mal vorstellen, dass das ihrem Kind geschieht.“ Zerstörerisch sei es, als Heranwachsender ein solches Geheimnis mit sich herumzuschleppen. Bis heute belaste ihn diese Erfahrung, im Umgang mit anderen und bei seiner Arbeit - einen helfenden Beruf hat er gewählt.

Er, der als Kind an den falschen Helfer geraten war. Der nicht Nein sagen konnte, als K. ihm zum Abschied anbot, ihn weiter zu begleiten. Denn nach nur zwei Jahren in Essen wurde K. 1975 nach Köln versetzt, später in die Eifel. Die Gründe der Versetzungen ließen sich den Akten nicht mehr entnehmen, bedauert Pater Otto. Fest stehe, dass K. beruflich nie mehr so engen Kontakt zu Kindern bekam. Es muss wohl einen Verdacht gegeben haben, nur schwieg der Orden dazu - die Eltern der Opfer blieben ahnungslos.

Und so wurde K. in vielen Familien herzlich empfangen und gut bewirtet, wenn er in den nächsten Jahren nach Essen kam. „Meine Mutter hat den bekocht, bevor er mit mir ins Kinderzimmer ging“, erinnert sich Martin Schneider. Seine Eltern seien erschüttert gewesen, als sie später erfuhren, was dort geschehen war.

Strafrechtlich ist nichts mehr zu machen

Das war 1990, als die Vergangenheit sich meldete: Drei andere Opfer riefen Schneider an; auch sie trugen an den Verletzungen ihrer Kindheit - und sie wandten sich nun an den Orden. Pater K., der damals krebskrank war, gab alles zu. Jahre verbrachte er in Kliniken, wo er neben der Krebstherapie einen Alkoholentzug machte und sich wegen seiner pädophilen Neigungen behandeln ließ. Geheilt (und geläutert?) wurde er als Katakombenführer nach Rom versetzt.

Tatsächlich hat sich K. seither nichts mehr zuschulden kommen lassen, dennoch sei es ein „schlimmes Versäumnis“, dass man ihn 1990 nicht angezeigt habe, glaubt Pater Otto. Im Zuge der aktuellen Untersuchung habe man die Akten dem Staatsanwalt gegeben: „Aber strafrechtlich ist da jetzt nichts mehr zu machen.“ Darum habe man gegen den 72-jährigen K. jetzt noch eine Kirchenstrafe verhängt, ihn vom Priesteramt suspendiert.

Viel zu lange hätten Verantwortliche den Ruf des Ordens durch Schweigen schützen wollen: „Inzwischen wissen wir, dass wir eine Kultur des Hinschauens brauchen.“ Den Opfern könne er nur das Gespräch und therapeutische Hilfe anbieten. „Vielleicht hilft es, wenn sie lesen, dass sich der Orden zu seiner Schuld bekennt.“ Martin Schneider hält das für einen Schritt nach vorn: „Die meisten Opfer wollen keine Rache, sie wollen, dass man ihnen glaubt.“

 
 

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