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Versuchter Ehrenmord in Essen: Vater des Opfers erzählt von erstaunlicher Begegnung

Versuchter Ehrenmord von Essen: 13 Männer und Frauen sitzen auf der Anklagebank.
Versuchter Ehrenmord von Essen: 13 Männer und Frauen sitzen auf der Anklagebank.
Foto: Kai Kitschenberg/FunkeFotoServices

Essen. Bisweilen ist dieser Prozess wie eine lange, lange Autofahrt. Mit zu vielen Menschen in einem zu kleinen Auto.

Seit Monaten zieht sich der Prozess um einen sogenannten versuchten Ehrenmord in Essen in die Länge. Auf der Anklagebank sitzen 13 angeklagte Männer und Frauen. Sie sollen im Mai 2018 Mohammed A. brutal verprügelt und teilskalpiert haben, weil er ein Verhältnis mit ihrer verheirateten Verwandten Sina M. hatte. Die meisten der Tatverdächtigen gehören zur selben Familie, haben einen kurdisch-syrischen Hintergrund.

Ehrenmord-Prozess in Essen: „Mein Mandant muss mal austreten“

Immer wieder wird der Prozess unterbrochen. Manchmal geht es um Elementares, wie etwa mögliche Fehler bei der Übersetzung der Anklageschrift ins Arabische und Kurdische. Manchmal geht es um eher profane Bedürfnisse. „Mein Mandant muss mal dringend austreten“, unterbricht einer der Anwälte am Dienstag die Verhandlung. Es ist bei weitem nicht das erste Mal in diesem Prozess. Und wieder muss die Verhandlung unterbrochen werden. „Das ist ein bisschen nervig“, kommentiert der Vorsitzende Richter Jörg Schmitt.

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Die Sache, um die es vor dem Landgericht Essen geht, ist im Gegensatz zum Randgeschehen überaus ernst. Die Männer und Frauen sollen den Tod von Mohammed A. geplant haben. Ein Video, das beim letzten Verhandlungstag gezeigt wurde, zeigt die grausame Tat: Immer wieder droschen mehrere Männer mit Knüppeln auf Mohammed A. ein.

Mutter des Opfers: „Ich entschuldige mich“

Am Dienstag saßen die Eltern von Mohammed A. als Zeugen im Saal. Zunächst sagte seine 47 Jahre alte Mutter aus. Sehr ergiebig war das nicht. Die Frau mit den streng nach hinten gebundenen Haaren hatte nicht viel zu sagen. „Ich erinnere mich nicht, ich entschuldige mich“, beantwortete sie einen Großteil der Fragen – übersetzt vom Dolmetscher.

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So habe sie Sina M. schon ein Jahr vor der Tat kennengelernt – sie wusste von dem Verhältnis. Bei Nachfragen zu Details verschloss sie sich aber – unklar ist, warum. Immerhin schien sie zumindest Misstrauen beim Gericht zu wecken: „Die Antworten sind vielleicht nicht zufriedenstellend, aber es sind Antworten“, so Schmitt.

Versuchter Ehrenmord in Essen: „Geh wieder zu deinem Mann“

Ihr Ehemann, der Vater des Opfers, war im Gegensatz zu seiner Frau sehr auskunftsbereit. Sina M. sei eines Tages beim Bruder seiner Frau aufgetaucht. Das sei etwa ein Jahr vor dem Angriff auf seinen Sohn gewesen. „Sie wollte ihren Mann verlassen und bei Mohammed bleiben. ich habe gesagt: Meine Tochter, geh wieder zu deinem Mann und deiner Familie, das geht nicht“, erzählt er, während der Dolmetscher übersetzt.

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Er habe sie überzeugen können, eine Freundin beider Familien habe Sina nach Hause gebracht. „Ich sagte zur Freundin, sie solle Sinas Eltern sagen, sie sei bei ihr gewesen, damit es keine Schwierigkeiten gibt“, so der 52-Jährige.

Vater in großer Sorge

Damit sei die Sache für ihn erledigt gewesen, doch sein Sohn habe die Beziehung offenbar hinter seinem Rücken weitergeführt. Ob er Angst gehabt habe, dass diese Beziehung schlimme Folgen haben könnte, fragt der Vorsitzende Richter. „Ja, ich dachte, dass das Mädchen oder der Junge getötet werden könnten“, so der Vater. Das komme in seiner Kultur vor, er selbst verachte das.

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In der Zeit nach der Tat habe er nur eine Sorge gehabt: dass sein Sohn nicht stirbt. Dann berichtet der Vater des Opfers von einer bemerkenswerten Begebenheit, die Einblicke in eine Art von Paralleljustiz zulässt.

Offenbar gab es nach der Tat Versuche der Familie von Sina M., die Sache gewissermaßen außergerichtlich zu lösen. Vertreter einer kurdischen Partei seien als Schlichter bei seiner Familie erschienen, hätten ihm ein Angebot gemacht.

Er habe das abgelehnt. „Wir konnten uns nicht einigen.“ Nachdem er das Video gesehen habe, sei eine Versöhnung erst recht ausgeschlossen: „Die Männer haben meinem Sohn ins Gesicht getreten. Das hat mich sehr mitgenommen“, sagt er.

 
 

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