Vermisstenfall Pierre – „Mein Bauchgefühl sagt: er lebt“

Gerd Niewerth
Vera Pann gibt nicht auf. Die Großmutter hofft, dass sie ihren geliebten Enkelsohn Pierre eines Tages wieder in ihre Arme schließen kann.
Vera Pann gibt nicht auf. Die Großmutter hofft, dass sie ihren geliebten Enkelsohn Pierre eines Tages wieder in ihre Arme schließen kann.
Foto: WAZ
Seit dem 17. September 2013 fehlt von dem geistig behinderten Pierre Pahlke jede Spur. Seine Großmutter Vera Pann (71) aus Kray-Leithe denkt jeden Tag an ihren Enkel. Sie hat eine Belohnung von 20.000 Euro ausgesetzt.

Essen-Kray/Leithe. Wo ist Pierre? Das fragen sich so viele, denen das Schicksal des am 17. September vor genau zwei Jahren verschwundenen Pierre Pahlke auf quälende Weise unter die Haut geht (Chronik in Bildern): Vater und Stiefmutter in Gladbeck, die Betreuer in der Heimstatt Engelbert, die Ermittler im Polizeipräsidium und ganz besonders seine Großmutter in Kray-Leithe. „Pierre kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben“, sagt Vera Pann (71), als sie das eingerahmte Foto ihres geliebten Enkels Kopf schüttelnd in den Händen hält. Der tief sitzende Schmerz erstickt immer wieder ihre Stimme, so dass eine beklemmende Stille das gemütliche Wohnzimmer im Krayer Reihenhaus erfüllt.

Es ist der Abend des 17. September 2013. In der Heimstatt Engelbert auf der Manderscheidtstraße hocken Betreuer und Bewohner am großen Tisch zusammen, um das Abendbrot einzunehmen. Doch ein Platz wird leer bleiben: der des 21 Jahre alten Pierre. Eine Kassiererin im Penny-Markt auf der Ernestinenstraße hat den beliebten Blondschopf an jenem Abend zum letzten Mal gesehen. Und nichts Verdächtiges bemerkt. Und Vera Pann sinniert: „Es muss doch eine Spur geben, wenn ein Mensch verschwindet.“

Längst schon haben die Ermittler ausgesprochen, was naheliegend zu sein scheint. „Wir müssen davon ausgehen, dass Pierre Pahlke Opfer eines Verbrechens geworden ist und womöglich nicht mehr lebt“, gab Oberstaatsanwältin Elke Hinterberg vier Monate nach seinem rätselhaften Verschwinden ernüchternd zu Protokoll.

Auch die Großmutter lässt den grausamsten aller Gedanken an sich heran, aber insgeheim hofft sie natürlich, dass Pierre, ihr einziger Enkelsohn, immer noch lebt – „dass er eines Tages vor unserer Tür steht und ich ihn wieder in die Arme schließen kann.“

Die Hoffnung nicht aufgegeben

Spektakuläre Entführungsfälle wie der der jungen Österreicherin Natascha Kampusch, die sich nach achtjähriger Gefangenschaft aus dem Verlies ihres Peinigers befreite, nähren ihre Hoffnung. Ein Mutmach-Fall, der die schwache, unter der Asche vor sich hinglimmende Glut aufs Neue zu entfachen vermag. „Irgendjemand muss ihn festhalten“, glaubt sie.

Aus den Ersparnissen eines langen arbeitsreichen Lebens hat Vera Pann eine respektable Belohnung ausgesetzt: zuerst 10.000, dann 15.000 und inzwischen sogar aufgestockt auf 20.000 Euro. Sie hat in halb von Essen Suchplakate aufgehängt – und auch in Amsterdam, in Mülheim und nebenan in Wattenscheid. Sie saß mit im Münchener Fernsehstudio, als Aktenzeichen XY mithalf, bundesweit nach Pierre zu fahnden. „Es gab 80 Hinweise, aber alle sind im Sande verlaufen.“ Im Leither Eigenheim, nur einen Steinwurf vom Volkspark entfernt, ist Pierre überall präsent: Liebevoll eingerahmte Fotos zeigen ihn mal als lächelnden Knaben, mal als Teenager. „Oben ist sein Zimmer mit den 500 CDs, er ist ganz verrückt nach Techno-Musik“, sagt Vera Pann. Sie hat seine gesamte Wäsche gewaschen und sorgfältig gebügelt. „Wegwerfen kann ich nichts davon.“

Nicht der einzige Schicksalsschlag

Pierres Verschwinden ist nicht der erste Schicksalsschlag in Vera Panns Leben, aber er vervielfacht ihren Schmerz auf niederschmetternde Weise. Manuela, Pierres Mutter und das einzige Kind von Vera und Wolfgang Pann, ist nur einen Tag nach seiner Geburt am 9. Februar 1992 gestorben. „Sie hatte sich so sehr auf den Jungen gefreut.“ Es ist eine Kaiserschnittgeburt, bei der Pierre die schwere Behinderung davontragen sollte. So schwer, dass er zeitlebens auf Betreuung angewiesen sein wird.

Zwar wächst Pierre bei seinem Vater in Gladbeck auf, aber alle vierzehn Tage kommt er nach Leithe. „Er ist ein richtiger Oma-Junge“, sagt Vera Pann. Ob beim Urlaub auf Föhr oder in Oberbayern, die Großeltern nehmen den Blondschopf überall hin mit. „Er fährt gerne Fahrrad und hat sich überall beliebt gemacht.“

Seit Pierres Verschwinden durchleidet Vera Pann ein Martyrium aus Verzweiflung und Wut, aus Ohnmacht und Resignation. Es ist, als habe man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Was für ein Schicksal: Zuerst verliert sie ihre einzige Tochter und dann nehmen sie ihr auch noch den geliebten Enkel weg. Manchmal droht das deprimierende Gefühl, ihr Leben habe ja ohnehin keinen Sinn mehr, sogar überhand nehmen. Doch dann stemmt sie sich mit aller Kraft dagegen an. „Mein Bauchgefühl sagt, dass er lebt, ich möchte ihn noch einmal feste drücken.“

Pierre Pahlke ist seit 17. September 2013 verschwunden: Chronik 

Juli 2012: Pierre Pahlke, von Geburt an geistig behindert (Sauerstoffunterversorgung) und aufgewachsen in Gladbeck, zieht in die Heimstatt Engelbert, eine therapeutische Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Er macht dort große Fortschritte. Betreuer beschreiben ihn als lebensfrohen jungen Mann. Er legt Wert auf schicke Kleidung, gutes Aussehen, steht auf Parfüm und CDs.

17. September 2013: Zum letzten Mal wird Pierre Pahlke zwischen 19.15 und 20 Uhr am Penny-Markt auf der Ernestinenstraße gesehen. Ursprünglich hatte es geheißen, er sei zum letzten Mal bei Netto auf der Hubertstraße gesehen worden.

Fieberhafte Suche Schon am Abend des 17. September läuft bei der Polizei die Vermisstenmeldung auf. In den darauffolgenden Tagen setzt die Polizei Beamte der Einsatzhundertschaft, Taucher, Hundeführer und Hubschrauber mit Wärmebildkameras ein. Sogar bei Facebook bildet sich spontan ein Suchgruppe.

Die Behinderung schränkt seinen Radius erheblich ein. So ist Pierre nicht in der Lage, selbstständig Bus und Bahn zu fahren. Ist er möglicherweise zu Unbekannten ins Auto gestiegen? „Kaum vorstellbar“, sagt die Großmutter. „Pierre geht zu Fremden am Anfang auf Distanz.“ Das Entsetzen und die Anteilnahme in der Bevölkerung sind besonders groß, weil Pierre so wehrlos ist.

10. Oktober 2013: Auf der Hubertstraße nahe der Heimstatt Engelbert wird ein Mann festgenommen. Personenspürhunde, so genannte Mantrailer, haben die Polizei zu ihm geführt. Der Festgenommene ist der Polizei kein Unbekannter. Allerdings finden sich in seiner Wohnung keine belastenden Spuren, er kommt wieder frei. Im Januar 2014 schöpfen Eltern, Großeltern und Fahnder neue Hoffnung. Mantrailer-Hunde haben die Ermittler bis ins Amsterdamer Rotlichtviertel geführt. Befindet sich Pierre Pahlke in den Händen von Sexualverbrechern? Auch die Amsterdamer Polizei schaltet sich ein, allerdings ohne Ergebnis.

21. Mai 2014: Aktenzeichen XY strahlt das Spezial „Kind vermisst“ aus. Über 80 Hinweise gehen ein, abermals ohne Ergebnis.

Belohnung: Schon unmittelbar nach Pierres Verschwinden haben Eltern und Großeltern Flyer und Plakate geklebt. Ihre Belohnung hat sich zuletzt auf 20 000 Euro erhöht. Sie erbitten Hinweise unter 01575 482 16 25.

2015: Die Essener Polizei bittet Zeugen, sich unter 0201/8290 zu melden. Obwohl zuletzt keine Hinweise eingegangen sind, liegt die Akte Pierre ganz oben auf dem Schreibtisch des Kommissars.

zur ausführlichen Bilder-Chronik