Essen

Verlassene Villen, rostige Bunker: Diese Essenerin kennt die vergessenen Orte im Revier - und hat uns auf eine Tour mitgenommen

Sie nimmt nur Fotos. Nika Blanken befolgt einen Kodex bei ihren Touren.
Sie nimmt nur Fotos. Nika Blanken befolgt einen Kodex bei ihren Touren.
Foto: derwesten.de
  • „Urban Exploration“ ist die Suche und das Fotografieren von verlassenen Gebäuden
  • Nika Blanken kennt Bunker, Villen, Schwimmbäder und Fabriken, in denen seit Jahren kein Mensch mehr gewesen ist
  • Einbrechen tut sie nicht - doch ihr Hobby ist eine rechtliche Grauzone

Essen. Wenn dieser besondere Geruch in ihre Nase steigt, wird‘s für Nika Blanken interessant. Sie steht dann in einer riesigen Lagerhalle.

Das Licht bricht schimmernd durch die kaputten Fensterscheiben. Rostrot. In all seinen Ausprägungen. Fällt auf wildwucherndes Pflanzengestrüpp. Das kämpft sich durch Fliesenböden und aus den Deckenspalten. Es ist überall.

Eindrücke wie nach einer Apokalypse

Dann macht es „Klack“. Und die Szenerie ist auf die Kamera gebannt. Auf dem Bildschirm: ein Foto wie aus einem Endzeitfilm.

Die Essenerin macht Urban Exploration, kurz „Urbex“ genannt. Gemeinsam mit ihren Mitstreitern erkundet sie Gebäude, die von Menschen verlassen wurden. Manchmal vor wenigen Wochen, manchmal vor vielen Jahren.

Sogenannte „Lost Places“. Und die „Urbexer“ machen Fotos davon.

Brauerei seit vielen Jahren verlassen

Das können alte Industrieruinen sein. Oder Luftschutzbunker. Oder Wohnhäuser, die dem Verfall überlassen worden sind. Oder – wie heute – eine vor über 40 Jahren geschlossene Brauerei inmitten des Ruhrgebiets.

Nika Blanken hat uns mitgenommen. Wie so eine Tour verläuft, siehst du im Video.

Eine genauere Adresse gibt es nicht: „Wenn wir zu viel verraten, kommen die Eigentümer und schließen oder verfüllen die Anlagen.“ Das wäre schlecht. Denn wer Urbex macht, hält sich an einen Kodex. Eine Regel ist: Eingebrochen wird nicht. Zumindest nicht so ganz.

„Brechen keine Türen oder Schlösser auf“

Die Nebenstraße im Industriegebiet ist am frühen Morgen fast autoleer. Ein kurzes Stück Berg hinauf, dann ein massiver Zaun. Dahinter die Brauerei.

„Wir suchen uns Wege in die Gebäude zu kommen, ohne Schlösser oder Türen aufzubrechen. Ich bin auch schon 300 Kilometer gefahren und dann war da eine verschlossene Tür. Dann bin ich wieder heim.“

Heute muss sie das nicht. Nika zeigt auf ein Loch im Zaun. Und schlüpft hindurch.

Niemals alleine unterwegs

Eigentlich begeht sie jetzt Hausfriedensbruch. Der Eigentümer müsste sie anzeigen. Dann könnte es Ärger geben. Wird es aber wahrscheinlich nicht.

„Oft ist gar nicht so klar, wem das Gebäude eigentlich gehört. Aber selbst, wenn uns mal die Polizei erwischt und vielleicht auch noch ein Eigentümer dabei ist, klären wir das. Wir wollen ja nichts Böses.“

Nicht allein unterwegs

Dann noch ein Fenster hinauf. Ein kleiner Sprung. Über ein Rohr, das schräg aus der Wandverkleidung ragt. Kamera und Stativ fest in der Hand. Drinnen dann dieser Geruch. Moos. Rost. Geschichte: „In einer alten Seifenfabrik riecht es noch nach Jahren nach frisch gewaschener Wäsche“, erzählt Nika dann. Aber auch toter Fuchs ist drin. In einem Bunker war das so.

Nika Blanken ist nicht allein. Während sie eine morsche Leiter hinab und über eine eingestürzte Decke steigt, passt Dennis auf. Auch er ist Urban Explorer. Nika: „Wenn etwas passiert, können wir so Hilfe holen.“ Besonders in alten Stollen ist das wichtig. Auch die besucht Nika regelmäßig.

Orte tragen besondere Namen

Angefangen hatte alles, als sie vierzehn Jahre alt war. Eine alte Schokoladenfabrik in Ostwestfalen. Alles war zugewachsen. Was dahinter sein mag? Der Reiz des Verbotenen tat sein Übriges. Alte Gebäude ließen Nika nicht mehr los.

Heute, mit 26 Jahren, ist sie in ganz Deutschland unterwegs. Aber auch in Belgien hat sie schon viele „Lost Places“ besucht.

Ruhrpott ein Pilgerort für Urban Explorer

Das Ruhrgebiet ist dabei ein echtes Mekka. Die Knopffabrik im Bergischen. Der Honigbunker im Pott. Das Haus der Künstler. Das der Doktoren. Die Bergmannschule.

Urban Explorer geben ihren Orten solche Namen. Und tauschen sich in Internetforen aus.

Nika ist im gesamten Ruhrgebiet mit ihrer Kamera unterwegs. Welche verlassenen Gebäude sie da vor die Kamera bekommen hat, siehst du im Video.

Im Inneren der Brauerei stehen große Kupferkessel. „Ein Wunder, dass die noch nicht von Metalldieben geklaut wurden“, sagt sie, während sie Verschlusszeit und Blende ihrer Kamera einstellt.

Die Natur erobert sich diese alten Gebäude nach und nach zurück. Das lieben Urban Explorer. Vandalismus lieben sie nicht.

Graffiti-Tags an der Wand. Die hellblaue Sprühdose liegt noch davor. Nika könnte sich aufregen. Sie erklärt: „Wir nehmen nichts als Fotos und hinterlassen nichts als Fußspuren.“ Kodex-Regel Nummer zwei.

Vandalismus ist den Urbexern ein Dorn im Auge

„Es ist traurig wie manche Gebäude innerhalb kürzester Zeit regelrecht verwüstet werden.“ Eine Knopf-Fabrik, ihr Lieblingsort, war zwischen zwei Besuchen kaum wieder zu erkennen.

Wie es in der Fabrik heute aussieht, siehst du in diesem Video.

Auch deshalb machen sich Nika und ihre Mitstreiter Gedanken. Wenn sie auf die Polizei treffen oder auf Jugendliche, die in den Gebäuden kiffen. „Wenn wir sehen, dass jemand etwas kaputt macht, versuchen wir mit denen zu sprechen. Oder rufen selbst die Polizei.“

Die endlos-dunklen Gänge der Brauerei enthüllen im Licht der Taschenlampen noch mehr Stahlgefäße. Ein Raum, den sonst kein Mensch mehr zu sehen bekommt. Ein Raum, der vergessen wurde.

Explorer geben den entdeckten Orten Namen

Müsstest du einen Endzeitfilm im Pott drehen, hier wärst du richtig. Und Nika dein Location-Scout.

Wie das Krankenhaus, das sie schon mehrmals besucht hat. OP-Säle. Sogar noch ein MRT. Im Keller: Die Leichenhalle. Darin ein Kindersarg. „Das war ein beklemmendes Gefühl. Dir wird in einem toten Gebäude bewusst, wie nah dir der Tod doch ist.“

Draußen hört die Endzeit auf

Zurück geht es über alte Reklametafeln. Was hier gebraut wurde? Nicht mehr zu erkennen. Die Treppe hinauf. Nika: „Vorsicht bei der dritten Stufe.“ Sie kennt sich hier aus.

Kein Wunder, hat die 26-Jährige doch schon dutzende alte Gebäude betreten. Wie diese hier.

Aus der Brauerei geht es wieder das Stahlrohr entlang, dann ein Sprung aus dem Fenster raus. Keine Polizei, kein Sicherheitsmann. Weg durch den Zaun.

Ein Auto brettert die Straße entlang. Die Endzeit ist nur auf dem Film. (ds)

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