Unmoralischer Verkehr

Jörg Maibaum
22.393 Mal krachte es im vergangenen Jahr auf Essen Straße. Das Foto dokumentiert einen Unfall auf der Haus-Berge-Straße am 9. April.
22.393 Mal krachte es im vergangenen Jahr auf Essen Straße. Das Foto dokumentiert einen Unfall auf der Haus-Berge-Straße am 9. April.
Foto: WAZ FotoPool
Trotz einer recht positiven Jahresbilanz fordert die Polizei mehr Rücksichtnahme und Regeltreue.

Essen. Wenn Stephania Fischer-Weinsziehr in Gedanken Essens Straßen durchstreift, wird der Polizeipräsidentin wissend um unvermindert hohe Unfallzahlen so manches klar: „Dort gibt es viele Menschen, die meinen, sich nicht an Regeln halten zu müssen.“ Radler, die täglich im Dutzend bei Rot über die Ampel huschen, sieht die Behördenleiterin vor ihrem inneren Auge, Raser vor den Schulen, unangeschnallte Kinder in den Autos ihrer Eltern und – wenn sie ganz, ganz genau hinschaut – dunkel gekleidete, meist ältere Passanten, die in der noch dunkleren Jahreszeit fast unsichtbar zwischen Autos auf die Straße huschen – ein Fehlverhalten, dass sie mit dem Verlust ihrer Gesundheit oder ihres Lebens bezahlen.

Deutliche Zahlen

„Es gibt Leute, die meinen, solange ich die anderen sehe, sehen die mich auch“, meint Fischer-Weinsziehr. Die Frau ist keine Hellseherin, aber Herrin der Unfall-Zahlen aus dem vergangenen Jahr und die sprechen abermals eine deutliche Sprache: Sechs der neun Menschen, die im Straßenverkehr dieser Stadt starben, waren Fußgänger, geht aus der Verkehrsbilanz 2012 hervor, die Essens Polizei gestern vorstellte. Zum Vergleich: Im Jahr zuvor waren zwölf Verkehrstote zu beklagen.

Während sich die Unfallzahlen in 2012 insgesamt auf Vorjahresniveau bewegten, zählte die Polizei mehr Verunglückte. Ihre Zahl stieg gegen den Landestrend um 2,6 Prozent von 2064 auf 2118. 302 (+4,1 Prozent) davon erwischte es schwer. Die allermeisten kamen mit leichteren Blessuren davon. Auch wenn sich diese Statistik negativ gegen den Landestrend entwickelte, steht Essen bei einem Vergleich der so genannten Verunglückten-Häufigkeitszahlen, die die Zahl der Verletzten auf 100.000 Einwohner hochrechnet, mit einem Wert von 370 noch vergleichsweise gut da.

Landesdurchschnitt liegt bei 390 Verletzten

Der Landesdurchschnitt liegt bei 390. Darunter gibt es einen so deutlichen wie erfreulichen Ausreißer: Auf Essens Straßen sind im vergangenen Jahr mit 194 unter 14-Jährigen 18,1 Prozent weniger Kinder verunglückt als noch in 2011, 86 als Fußgänger, 25 als Radfahrer, 26 auf dem Schulweg, 66 im Auto, elf in Fahrzeugen des öffentlichen Nahverkehrs. Landesweit gab es einen Rückgang von nur 9,8 Prozent. Es kamen auch weniger ältere Menschen zu Schaden: 250 über 65-Jährige verunglückten. Das ist ein Rückgang von 27 oder 9,7 Prozent zum Jahr zuvor.

Detlef Bardeck, Leiter der Führungsstelle der Direktion Verkehr, ist dennoch nicht zufrieden: „Die Verkehrsmoral von Fußgängern und Radfahrern ist deutlich verbesserungsfähig“, sagt der Polizeihauptkommissar. Denn 151 der 269 verunglückten Radler verursachten den Unfall, in den sie verwickelt waren, selbst. Bei den Fußgängern waren es 88 von 366. Mit zum Teil schlimmen Folgen: „Wir müssen das in die Köpfe bekommen“, sagt Bardeck: „Ihr habt keine Knautschzone“. Die Polizei jedenfalls will den Radlern stärker auf dem Schlauch stehen. Wie das aussehen könnte, steht noch nicht fest. „Wir sind noch in der Analyse“, sagt Bardeck.

Alkohol- und Drogenkonsum rückläufig

Neben Schwerpunktaktionen wie Blitz-Marathon, der Überwachung der Fußgänger und der Sicherheit der Schulanfänger und Kinder hatte Essens Polizei auf den Straßen alle Hände voll zu tun: 28.000 Fahrzeugführer wurden im vergangenen Jahr überprüft und dabei festgestellt: Der Konsum von Alkohol und Drogen ist genauso rückläufig wie ein anderes Vergehen, das allerdings kein Kontrolldelikt ist. Es hat weniger Unfallfluchten gegeben. Ihre Zahl sank erstmals wieder: von 4775 auf 4667.

Nach nahezu jedem fünften Unfall macht sich jemand aus dem Staub. Alle 23 Minuten krachte es im vergangenen Jahr und damit insgesamt 22.393 Mal auf Essens Straßen. Was gegenüber 2011 eine Zunahme um 0,8 Prozent bedeutet.

Berliner Platz wird zu Unfallbrennpunkt

Ein paar dieser Unfälle ereigneten sich am Berliner Platz in der Innenstadt, der sich zu einer Art Unfallbrennpunkt entwickelt hat. „Die Verkehrsführung funktioniert irgendwie nicht richtig“, sagt Bardeck. Das große Rund kommt zwar wie ein Kreisverkehr daher, ist aber keiner, denn der mehrspurige Verkehrsfluss wird von Ampeln unterbrochen.

Wie die Polizei beobachtet hat, lassen sich die Autofahrer beim Einfädeln regelmäßig nach innen abdrängen, obwohl sie eigentlich rechts raus wollen. Man sei mit der Stadt im Gespräch, um nach Lösungen zu suchen. Damit in diesem Jahr wieder weniger Unfälle passieren.