Überruhr hat eine schwarze Vergangenheit

Überruhr..  Es ist der 1. April 1968, und vielen Menschen in Überuhr ist es nach allem anderen zumute als nach einem Scherz: Mit dem Aus der Zeche Heinrich schließt das letzte Bergwerk im Stadtteil und beendet eine Epoche, die 1673 mit der Zeche Mönkhoffsbank im Wichteltal begann – und die den Stadtteil prägte, wie keine andere Entwicklung vorher oder nachher.

„Klar, die Zeche war in Überruhr der größte Arbeitgeber. Allein 1968 waren noch 3000 Menschen dort beschäftigt“, erläutert Norbert Mering, Vorsitzender der Überruhrer Bürgerschaft. Als Hüter des Vereinsarchivs ist er bereits mehrfach den Spuren des Bergbaus gefolgt, hat mehrere Gedenktafeln mitentworfen und aufgestellt. Zwar hat das schwarze Gold für massenhaften Zuzug und Wohnungsbau im Stadtteil gesorgt, die Zechen selbst sind aber, bis auf wenige „Fragmente“, längst verschwunden. „Nur von Heinrich steht noch der Förderturm“, erklärt Mering, der noch bis zum September eine große Bergbau-Fotoausstellung im Marienheim am Hinseler Hof zeigt, und deutet auf das schicke Wohn- und Büroensemble mit Turm an der Langenberger Straße 505. Ansonsten muss man sich in Überruhr auf Spurensuche begeben.

„Im Wichteltal sieht man noch ein paar Eingänge der zahlreichen Stollenzechen. Die meisten sind aber zugeschüttet worden, damit keine Jugendlichen hineingehen“, erläutert Mering. Die Stollenzechen waren so etwas wie die ersten „Bergbauversuche“ im Stadtteil, die oft von den Bauern noch selbst bearbeitet wurden: Da in Überruhr die Kohle so nahe der Oberfläche lag und oft noch immer liegt, trieb man waagerechte Stollen in die Hänge. Über 20 werden es im Stadtteil gewesen sein. „Meine Tochter wohnt am Dellmannsfeld. Gräbt man da ein paar Meter tief im Boden, fängt schon die Kohle an“, erzählt Mering.

Berühmter sind die Tiefbauzechen, deren Geschichte mit der Mönkhoffsbank, ebenfalls im Wichteltal, beginnt. Das genaue Datum der Stilllegung ist nicht bekannt, das letzte Mal erwähnt wird sie im Jahr 1867. Sehen kann man heute noch ein zugewuchertes Bruchstein-Schachtgebäude von etwa 1830. Allerdings steht es ebenso unter Denkmalschutz wie die ehemalige Schmiede, heute ein Wohnhaus.

Ebenfalls noch „Restbestände“ finden die Besucher des Ludwig-Kessing-Parks. 1934, 31 Jahre nach der Stilllegung und 35 nach dem Start, wurden hier die Reste des Schachtes Hermann beseitigt, eine Grünanlage angelegt. Nur ein kurzes Leben war dem Schacht, der Teil der Horster Zeche Eiberg war, vergönnt. „Am südwestlichen Eingang steht noch das Direktionsgebäude, im südlichen Teil des Parks liegen noch einige Fundamente. Und wenn man auf dem Aussichtspunkt steht, hat man die Füße der Beton-Abdeckung der alten Schachtköpfe unter sich“, erläutert Mering.

Gar nichts mehr zu sehen ist von der Zeche Gewalt, ihre Arbeit begann 1811 mit dem Abteufen des ersten Schachtes zwischen dem Gewalterberg und der Antropstraße. Sie war einmal mit 330 Metern die tiefste Grube im Revier und 1850 die größte Zeche an der Ruhr. Ihre schwarz-goldenen Zeiten reichen von den 1850er- bis in die 1870er-Jahre. Doch schon 1886 steigt das Wasser so stark, dass an einen Betrieb nicht mehr zu denken ist. Auch wenn sie 1902 wieder „ans Netz“ geht, wird sie nie mehr die früheren Abbaumengen erreichen. Im April 1924 ist auch hier endgültig Schluss.

„Unter der Erde würde man natürlich mehr sehen, da sieht Überruhr aus wie ein Schweizer Käse“, stellt der Heimatforscher fest. Doch vieles steht unter Wasser. Das Grubenwasser beispielsweise, das heute noch aus dem Schacht Heinrich 3 gehoben wird, stellt die Trinkwassernotreserve der Stadt Essen dar. Darüber hinaus muss die Zeche Heinrich stets ausgepumpt werden, weil sonst die Oberhausener City überflutet würde – die liegt drei Meter unter Überruhr-Holthausen (schachtbezogen). Mering: „Man kann schon sagen, dass Überruhr eine ziemlich schwarze Vergangenheit hat – doch die liegt unter der Erde.“

 
 

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