Turbo-Abi ist besser als sein Ruf

Mareille Landau
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Essener Bildungsforscher stellen fest, dass die erhöhte Geschwindigkeit beim G8-Abi Absolventen keine Nachteile bringt .

Essen.  Vor knapp zehn Jahren hat NRW das Turbo-Abi eingeführt. Flammende Proteste gibt es nach wie vor. Bundesländer wie Bayern oder Niedersachsen bewegen sich bereits zurück zum G9. Dauerstress, schlechte Noten und Stoff, der nur noch gepaukt und nicht verstanden wird – das verbinden 80 Prozent der Eltern mit dem sogenannten G8-Abitur, bei dem Schüler bereits nach zwölf Jahren die Schule verlassen. Das ermittelten Bildungsforscher der Universität Duisburg-Essen (UDE). Herausgefunden haben sie aber ebenso, dass diese diffuse gesellschaftliche Wahrnehmung wissenschaftlich nicht haltbar ist.

Für die Studie „Generation 2in1“, die Absolventen des doppelten Abiturjahrgangs unter die Lupe nahm, haben die Essener Forscherinnen Dr. Isabell van Ackeren und Dr. Svenja Mareike Kühn über 3.500 Erstsemester an der UDE befragt. Die Bildungsforscher schauten bei ihrer Erhebung zu Beginn des Wintersemesters vor allem auf methodische Kompetenzen und die Persönlichkeit der jungen Leute. „Wir haben die Erstsemester unter anderem gefragt, welche wissenschaftlichen Arbeitstechniken bekannt sind, wie es mit Lernstrategien und Selbstorganisation, Zeitmanagement aber auch mit Interesse am Fach aussieht“, erklärt van Ackeren.

Herausgekommen ist: Die erhöhte Geschwindigkeit beim Turbo-Abi bringt keine Nachteile. „Wer den längeren Bildungsweg gegangen ist, hat kein besseres Abi gemacht, die Noten waren für G8 und G9 vergleichbar“, so Isabell van Ackeren. Und die Schüler seien nach zwölf Jahren auf die Anforderungen eines Studiums genauso gut vorbereitet, sagt die Bildungsforscherin.

Der Wunsch der Eltern nach G9 habe möglicherweise mit einer „gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung“ zu tun, sagt die Professorin. Es sei wohl eine Mischung aus Faktoren wie Stress in der Arbeitswelt, Berufstätigkeit beider Elternteile und der Herausforderung, unterschiedliche Lebensbereiche unter Zeitdruck miteinander zu vereinbaren, der zu dieser Sichtweise führe. Die Studien lassen jedoch nicht erkennen, dass die Sorgen der Eltern begründet sind. Denn die befragten Schüler klagten insgesamt nicht signifikant häufiger über Stress und ihr Engagement in Vereinen oder im Instrumentalunterricht stehe dem der G9-Schüler nicht nach. In sozialen Bereichen engagierten sie sich teils sogar mehr.

Die Studie der UDE zeigt allerdings auch, dass mehr als 60 Prozent der Eltern das G8-Abitur für eine gute Alternative hielten, sofern die Lehrpläne sinnvoll überarbeitet werden. Auch die Bildungsforscher beklagen, dass die Schulzeitverkürzung überhastet und planlos begonnen worden sei. „Man hätte schon in der Einführungsphase mehr Zeit investieren müssen, um die Lehrpläne zu entschlacken“, sagt van Ackeren.

Beim Wechsel zu G8 sei es in erster Linie um „bildungsökonomische Gründe“ gegangen, so die Professorin. Darum wie man einen besseren Unterricht gestalten könne, kümmerte man sich nur am Rande. Die verkürzte Schulzeit sollte nicht primär bessere, sondern jüngere Absolventen hervorbringen, die früher einer Erwerbsarbeit nachgingen.

Die Wahrnehmung der Gesellschaft führt jedoch dazu, dass es zahlreiche Gymnasien gibt, die mit Schulversuchen bereits zu G9 zurückgekehrt sind. In Essen steht das Gymnasium Borbeck mit diesem erneuten Richtungswechsel bisher alleine da. „Diese Versuche wollen wir natürlich wissenschaftlich begleiten und untersuchen, wie die Schulen die zurückgewonnene Zeit nutzen“, sagt van Ackeren. Der Schwerpunkt liege auf einer verstärkten individuellen Förderung mit mehr Neigungsgruppen und schulkulturellen Angeboten. „Wir werden sehen, ob die Schulen die Zeit dann wirklich sinnvoll nutzen“, sagt van Ackeren.