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Thyssenkrupp: „Weniger Arroganz und Größenwahn wären gut gewesen“ – ARD-Doku rechnet mit Stahlkonzern ab

ARD-Doku über Thyssenkrupp rechnet mit dem Stahlkonzern ab.
ARD-Doku über Thyssenkrupp rechnet mit dem Stahlkonzern ab.
Foto: imago images

Essen. Thyssenkrupp gehört zum Ruhrgebiet wie kaum etwas anderes: Der Pott ist durch Bergbau und Stahlindustrie groß geworden. Doch der zusammengelegte Konzern aus den einst konkurrierenden Firmen Thyssen und Krupp steckt seit Jahren in der Krise. Und die Probleme sind größtenteils hausgemacht, wie eine Dokumentation der ARD nun aufzeigt.

Dabei nimmt die ARD kein Blatt vor den Mund. Die Geschichte von Thyssenkrupp wird aufgezeigt, die guten und die schlechten Zeiten beider Konzerne. Worte wie Korruption, Größenwahn und kriminelle Geschäftspraktiken fallen nicht nur einmal.

ARD-Doku zeigt Geschichte von Thyssenkrupp

Krupp und Thyssen, beide Firmen sind durch Stahlproduktionen groß geworden. Krupp wird im Ersten und Zweiten Weltkrieg zum Waffenlieferant Deutschlands. Besonders im Zweiten Weltkrieg erlangt der Krupp-Stahl zweifelhafte Berühmtheit, als Adolf Hitler von seinen Untertanen verlangt, sie sollen „hart wie Krupp-Stahl“ sein. Bei Thyssen lief es anders. Fritz Thyssen protestiert 1939 öffentlich gegen die Nazis. Er wird verhaftet und ins Konzentrationslager deportiert. Erst durch die Allierten wird er befreit.

Zwei Wege, die sich auch nach dem Weltkrieg weiter deutlich unterscheiden. Die ARD-Doku zeigt auf, dass sich ab den 70er Jahren vor allem Thyssen wandlungsfähig zeigte. Das Unternehmen kauft Rheinstahl auf, steigt damit in die Aufzugbranche ein. Die Firma macht den Wandel vom Stahlunternehmen zum Technologiekonzern perfekt.

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Krupp hingegen fokussiert sich zu sehr auf den Stahl. Laut der Doku beantragte der Konzern Bürgschaften des Staates in Millionenhöhe, Banken schoben Krupp immer wieder Kredite zu.

Skandal, wie ihn das Ruhrgebiet noch nie gesehen hat

Und während es Thyssen gut ging, steuerte Krupp auf einen Skandal zu, den das Ruhrgebiet zuvor so nicht gesehen hatte. Als Krupp-Manager Gerhard Cromme 1987 bekannt gibt, dass das Stahlwerk in Duisburg-Rheinhausen geschlossen werden soll, eskaliert die Situation.

Tausende Arbeiter demonstrieren tagelang gegen die Schließung, konkurrierende Mitarbeiter von Thyssen schließen sich ihren Kollegen an. Daran erinnert heute noch die „Brücke der Solidarität“ in Duisburg.

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Der Streik erreicht seinen Höhepunkt, als Hunderte Krupp-Mitarbeiter die Villa Hügel stürmen, um mit dem obersten Firmenchef Berthold Beitz direkt zu sprechen. Doch es nützt alles nichts: Duisburg-Rheinhausen wird dicht gemacht.

Ende der 90er kommt es zum Paukenschlag

Und dann kommt es Ende der 1990er zu einem Paukenschlag: Thyssen und Krupp fusionieren. Wie die Doku aufzeigt waren um das Jahr 2000 190.000 Mitarbeiter angestellt und es gab einen Jahresumsatz von rund 60 Milliarden DM.

Doch Thyssenkrupps Erfolgskurs hält nicht lange an. Eine der größten Fehlinvestitionen der Firmengeschichte tätigt der Konzern laut der Doku 2005, als man ein Stahlwerk in Brasilien bauen lassen will. Erhofft hatten sich die Bosse günstigere Arbeitsbedingungen als in Europa. Bekommen haben sie ein Fass ohne Boden.

Man hatte sich mit den Kosten verschätzt. Anstatt der geplanten 1,5 Milliarden kostete der Bau rund fünf Milliarden Euro. Den Zeitpunkt des Abbruchs des Baus verpasste man laut Doku.

Werke in Amerika sind reine Verlustgeschäfte

Tekin Nasikkol, Betriebsratsvorsitzender von Thyssenkrupp, sagt: „Ein bisschen weniger Arroganz und Größenwahn wären gut gewesen. Man hat immer mehr Geld in Brasilien versenkt, weil man nicht scheitern wollte.“

Doch das sollte trotzdem passieren. Nach der Fertigstellung des Werkes in Brasilien und eines weiteren in den USA musste Thyssenkrupp sich eingestehen, dass die Werke mehr Verluste als Gewinne einbrachten. Sie wurden weit unter den Baukosten verkauft. Bittere Ironie: Heutzutage laufen beide Werke unter einem anderen Besitzer laut ARD gut und werfen Gewinne ab.

Bis heute habe sich Thyssenkrupp von dem Rückschlag nicht erholt. Und weil das noch nicht genug ist, machte der Konzern auch noch Schlagzeilen mit mehreren Kartellskandalen.

Kartellskandale erschüttern Konzern

Der Bekannteste: Über viele Jahre wurden mit Konkurrenzfirmen Preisabsprachen für Eisenbahnschienen getroffen. Die Folge: Kunden des Schienenkartells kauften viel zu teuer ein. Unter ihnen auch die Deutsche Bahn, die eine Milliarde Euro mehr ausgegeben hat, als eigentlich nötig.

Martin Murphy vom Handelsblatt kritisiert Thyssenkrupp dafür heftig: „Obwohl Kartelle verboten waren und Thyssenkrupp längst überführt war, machten sie einfach weiter. Es war ein unfassbares Verhalten.“

150 Millionen Euro Schadenersatz gingen an die Deutsche Bahn, dazu kamen 190 Millionen Euro Strafe. Zuletzt machte Thyssenkrupp 2019 mit einem weiteren Kartellskandal auf sich aufmerksam.

14 Jahre lang hat die Firma mit anderen Konkurrenzunternehmen Absprachen wegen Grobblechen getroffen. Das könnte Thyssenkrupp 370 Millionen Euro Strafe kosten.

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Krupp während des Zweiten Weltkrieges

  • Gustav Krupp von Bohlen und Halbach wollte zunächst nichts von den Nazis wissen
  • Hitler schwärmte von dem Unternehmen
  • Krupp ließ Panzer, U-Boote, Waffen für Zweiten Weltkrieg produzieren
  • Allierten wollten deutschen Waffenlieferanten zerstören
  • Stadt Essen wurde deswegen zu 90 Prozent zerbombt

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Wird Thyssenkrupp sich von der Stahlbranche verabschieden?

In letzter Zeit werden immer wieder Gerüchte laut, dass sich Thyssenkrupp von der Stahlbranche verabschieden will. Das würde bedeuten, das Kerngeschäft aufzugeben.

Tekin Nasikkol, Betriebsratsvorsitzender von Thyssenkrupp, ist sich sicher: „Das Schicksal von Thyssenkrupp hängt am Stahl. Wenn der Stahl komplett rausgeht, dann weiß ich nicht, was von dem Konzern noch übrig bleibt.“

Die ARD-Doku zeigt vor allem eines auf: Von den kleinen innovativen Stahlexperten aus dem Ruhrgebiet ist nicht mehr viel übrig geblieben.

Du willst dir die gesamte Doku anschauen? Dann findest du sie hier. (fb)

 
 

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