Bochum

Thyssenkrupp: Aktionäre gehen auf Chefetage los – bittere Botschaft für Arbeitnehmer

Bei der Hauptversammlung von Thyssenkrupp am Freitag in Bochum herrscht ein rauer Ton.
Bei der Hauptversammlung von Thyssenkrupp am Freitag in Bochum herrscht ein rauer Ton.
Foto: DER WESTEN

Bochum. Es ist nur eine Randnotiz, aber vielleicht auch ein Zeichen, wie ernst es um Thyssenkrupp steht. Während die Eintrittskarte zur Hauptversammlung in den vergangenen Jahren auch immer ein Ticket für den öffentlichen Nahverkehr enthielt, ist dieses Jahr die Gratis-Anreise gestrichen. Aus Kostengründen.

Trotzdem pilgerten hunderte Aktionäre zur Hauptversammlung von Thyssenkrupp am Freitagmorgen zum RuhrCongress in Bochum. Vor dem Parkhaus schob sich eine Autolawine langsam vorwärts. Das Parken kostet vier Euro – auch das müssen die Aktionäre am Freitag selbst bezahlen. Die Stimmung ist bedrückt. Ein Freudentag ist die Hauptversammlung schon lange nicht mehr.

Vor dem RuhrCongress stehen mehrere Polizeibeamte. In der Nacht am Donnerstag gab es in Berlin Anschläge auf Autos von Thyssenkrupp. Es brennt lichterloh bei Thyssen – auf allen Ebenen.

Thyssenkrupp: Abstieg des Wirtschaftsriesen

Noch vor rund einem Jahrzehnt war der Konzern einer der größten und vor allem erfolgreichsten in Europa. Eine sichere Geldanlage mit garantierter Dividende. Seitdem ist einiges passiert.

Es folgten gigantische Fehlinvestitionen mit Milliardenverlusten in Stahlwerke in Brasilien und Alabama (USA), Dax-Abstieg, Vertrauensverlust bei Aktionären, Millionen-Zahlungen an scheidende Vorstandsmitglieder – bei gleichzeitigen Massenentlassungen der Belegschaft. Allein im vergangenen Jahr ist die Nettoverschuldung um mehr als die Hälfte angestiegen, die Aktie fiel im gleichen Zeitraum um ein Viertel.

„Der ehemalige Leuchtturm der deutschen Wirtschaft gleicht inzwischen einer Baugrube, die unter Wasser steht“, wird es in einem Redner auf der Hauptversammlung später auf den Punkt bringen. Das Unternehmen steht mit dem Rücken zur Wand.

Aktionäre mit wenig Zuversicht

Wenig Grund zur Zuversicht unter den Aktionären also. „Ich hoffe auf Klarheit, was die Zukunft angeht. Aber ich glaube die Hoffnung ist zu groß“, meint ein 72-jähriger Aktionär gegenüber DER WESTEN. Mit Namen genannt werden möchte er nicht. Ebenso wie weitere Aktionäre, die über ihre düstere Prognose sprechen.

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„Ich erwarte nicht all zu viel, aber ich glaube, es wird hart zugehen. Ich denke nicht, dass wir etwas zur Strategie für die nächsten Jahre hören, denn die haben die glaube ich gar nicht“, meint ein 81-Jähriger, der in Begleitung seiner Frau gekommen ist. Auch eine weitere Aktionärin zeigt sich resigniert. Seit vielen Jahren kommt sie zur Hauptversammlung, „es wird meine letzte sein“, kündigte sie am Freitag an. Den Niedergang des Konzerns könne sie nicht weiter mit ansehen.

Vorstandsvorsitzende Martina Merz, nach dem umstrittenen und kostspieligen Abgang von Guido Kerkhoff nicht einmal 100 Tage im Amt, versuchte bei ihrer Rede erst gar nicht, die Umstände schön zu reden. Thyssenkrupp befinde sich aktuell in „außerordentlich schwerer Lage“, der Blick auf die wirtschaftliche Leistung sei „ernüchternd“.

Von der von vielen Aktionären erhoffte klare Strategie für die Zukunft wurde jedoch nur umrissen. Man wolle bis Mai evaluieren, welche Sparten sich von Thyssen auch in Zukunft gewinnbringend gestalten ließen. Sollte es keine Aussicht darauf geben, müsse überprüft werden, ob eine Partnerschaft mit anderen Unternehmen in Frage komme oder ein anderer Eigentümer „besser Potentiale“ heben könne.

Bittere Nachricht für Arbeitnehmer

Zehntausende der über 160.000 Arbeitsplätze im Konzern stehen vor dem Umbau. Vor allem der Bereich Stahl steht vor großen Herausforderungen und Veränderungen. Klimaneutrale Stahlproduktion soll in Zukunft einen Wettbewerbsvorteil bringen. „Stahl ist ohne Alternative“, sagt Merz, die jedoch auch eine deutliche und drastische Nachricht für die vielen Beschäftigten in dem Bereich hat: „Das wird nicht ohne Arbeitsplatzabbau gehen“.

Letzter Hoffnungsschimmer am dunklen Himmel über Thyssenkrupp: der Verkauf der Aufzugssparte, das Tafelsilber des Konzerns – und der letzte Rettungsanker. Keine andere Sparte im Konzern ist auch nur annähernd so gewinnbringend. 900 Millionen Euro warf der Bereich „Elevator Technology“ ab. Ein Verkauf soll 13 bis 21 Milliarden in die Kassen spülen, auch ein möglicher Börsengang steht im Raum. Bis Ende Februar soll Klarheit für die Aufzugssparte herrschen. Details zu Angeboten oder Investoren wurden am Freitag keine genannt. Man will sich bedeckt halten auf der Hauptversammlung.

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Mit dem Geld könnte für die nächsten Jahre Ruhe in den Konzern einziehen. Gelingt der Umbau in dieser Zeit nicht, steht der Konzern vielleicht vor dem Aus, es könnte die letzte Chance sein. „Der Einschnitt ist schmerzhaft, aber er macht Thyssenkrupp wieder manövrierfähig“, so Merz. Sie benutzt das Bild eines Bootes, das in zu flaches Wasser gefahren war.

Während ihrer Rede helfen Sanitäter im hinteren Bereich der Halle einem älteren Mann, er wird auf einer Trage herausgetragen. Es passt ins Bild des angeschlagenen und kränkelnden Konzerns.

Aktionäre gehen auf Vorstand und Aufsichtsrat los

In den anschließenden Redebeiträgen der Aktionäre und ihrer Vertreter zeigt sich eine gehörige Portion Wut. So wurden die Entscheidungen der vergangenen Jahre als „Lehrstück für Managementversagen“ bezeichnet. Dem scheidenden Vorstand seien Millionen hinterhergeworfen, während bei der Belegschaft Entlassungen vorgenommen worden sind. „Das passt nicht zusammen.“ Häufig sind es die kleinen Dinge, über die einige, ginge es dem Konzern nicht so schlecht, sonst wohl drüber hinweg gesehen hätte. Die Parkgebühr, das fehlende Busticket, oder der am Eingang abgenommene Apfel: „Haben Sie etwa Angst vor Wurfgeschossen?“

Die Wut richtet sich vor allem gegen Ursula Gather, Mitglied des Aufsichtsrats. Als Vorsitzende des Kuratoriums der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, einem der größten Aktionäre von Thyssenkrupp, könne sie keine neutralen Entscheidungen treffen.

Ein Redner nannte sie gar das „Übel des Konzerns“, eine „Katastrophenfrau“, die „unter keinen Umständen entlastet werden dürfe.“ Mit dieser Forderung ist er nicht allein. Gleich mehrere Redner kündigten an, der Entlastung einzelner Mitglieder des Vorstandes und des Aufsichtsrats nicht zustimmen zu wollen. Manche gingen sogar noch weiter und forderten die Nichtentlastung des gesamten Vorstands und Aufsichtsrats. Es wäre ein radikaler und bei Unternehmen in dieser Größenordnung sehr seltener Schritt.

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Durch die Nichtentlastung würde dem wankenden Konzern ein großer Imageschaden drohen. Denen, die das Feuer löschen sollen, fehlt der Rückhalt. Dem aktuellen Führungspersonal droht der endgültige Verlust zur Konzernbasis. Weitere Unruhen könnten Investoren abschrecken.

Schon nach den ersten Stunden der Hauptversammlung in Bochum steht fest: Noch wird es lange dauern, bis alle Brände bei Thyssenkrupp gelöscht sind.

 
 

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