„Tanzen ist keine Frage der Herkunft“

Jennifer Schumacher
Foto: Michael Korte

In geschmeidigen Bewegungen biegen sich die neun Tänzerinnen wie Grashalme im Wind. Lassen sich wie aus dem Nichts auf den Boden fallen und rollen sich dort zusammen wie in einem Schneckenhaus. Es sind größtenteils Laien, die hier ihre ersten Schritte im Modern Dance wagen; einige mit professioneller Vergangenheit, andere wie die 52-jährige und quirlige Nazanin tanzen erst seit wenigen Wochen.

„In jedem steckt ein Künstler. Vor allem im Tanz wird man durchsichtig, kann sich voll hingeben. Das macht die Arbeit mit Laien noch viel spannender“, sagt Eloisa Mirabassi mit zauberhaftem italienischen Akzent. Anfang 2012 gründete die Diplom-Bühnentänzerin ihre Tanzkompanie „Dintje Dance“, die seit ein paar Monaten im Chorforum beheimatet ist.

Mirabassi gibt ihr Wissen weiter

„Ich habe einige Laien-Tänzer getroffen, die viel mehr machen wollten und eine große Ausstrahlung haben. Mit der Tanzkompanie will ich ihnen eine professionelle Plattform bieten“, sagt Mirabassi, die als 21-Jährige aus Italien nach Essen an die Folkwang-Hochschule kam.

Der Tanz bestimmt ihr Leben dabei noch viel länger: Schon als Sechsjährige nimmt sie in ihrer Heimatstadt Perugia Ballettstunden, sammelt erste Bühnenerfahrungen. Schließlich verschlägt es sie zur Ballettakademie nach Rom. „Irgendwann hat mir das Ballett allein nicht mehr gereicht. Ich wollte kein Püppchen mehr sein, sondern ein Mensch, der tanzt“, erinnert sich die dreifache Mutter. Der Ruf der Folkwang-Hochschule hallt auch damals schon bis nach Italien, nicht zuletzt wegen Pina Bausch, die auch für Mirabassi ein Vorbild ist. Die heute 39-Jährige macht einen der wohl wichtigsten Schritte ihres Lebens und kommt nach Essen. Vier Jahre Studium folgen, in denen Mirabassi nicht nur im Tanz ihrer inneren Rebellion freien Lauf lässt. „Damals trugen alle ihre Haare lang, so wie Pina Bausch. Meine waren raspelkurz und rot“, erinnert sie sich und lacht. Choreographiert hat sie schon als Studentin, arbeitete schließlich eine Zeit lang mit der bekannten Choreographin und Tänzerin Christine Brunel zusammen.

Selbst in der Zeit ihrer Familiengründung hängt Mirabassi die Tanzschuhe nicht komplett an den Nagel, unterrichtet immer wieder an Schulen. „Ich habe gemerkt, dass Unterrichten und Choreographieren mein Ding ist“, sagt Mirabassi. Beim Laien-Wettbewerb im Rahmen des diesjährigen Festivals „638 Kilo Tanz“ belegt ihre Laiengruppe in der Casa den dritten Platz.

Eine kleine Erfolgsgeschichte, die Mirabassi nicht nur mit ihrer Stammgruppe weitererzählen möchte: Im Januar bietet sie ein Intensiv-Trainingscamp für Tänzerinnen und Tänzer zwischen 16 und 25 Jahren an, die ihre Leidenschaft ebenso wie sie zum Beruf machen wollen. „Ziel ist, jungen Menschen jeder Herkunft durch kostenloses tägliches Training das passende Rüstzeug mit auf den Weg zu geben – für bessere Chancen bei zukünftigen Engagements und gute Erfolgsaussichten bei Aufnahmeprüfungen an Kunsthochschulen und Universitäten“, sagt Mirabassi, die sich mit dem Projekt erfolgreich bei der RWE-Stiftung beworben hatte, die nun einen Großteil der Kosten deckt. Für Eloisa Mirabassi geht damit ein Traum in Erfüllung: „Jeder soll die Chance zum professionellen Tanzen bekommen – unabhängig von Bildungsgrad oder Herkunft.“

Neben Eloisa Mirabassi unterrichten weitere Profi-Tänzer, darunter Dodzi Dougban für Hip-Hop sowie Fátima Gomes und Elena Kofiná für Contemporary Dance.