Tanz der Phantome

Am Anfang des Abends wähnt man sich nicht nur musikalisch beinahe in einem Woody-Allen-Stück. Sechs Menschen suchen da ihren Platz im Leben und kommen vor lauter Unentschlossenheits-Stolpern und Marotten-Verzetteln doch kaum voran. Wie sie da in wenigen wortlosen Minuten von diesem seltsamen Wett- und Leerlauf erzählen, den man das Streben nach Glück nennen können, ist beseelt und herzensblöd, slapstickhaft-komisch und klug choreografiert.

Und dieser wunderbare Rhythmus geht auch nicht verloren, wenn der Text einsetzt. Katja Wachters „Eine Blume als Gegenwehr“, das Siegerstück der Autorentage 2013 am Essener Schauspiel, pikst durchaus im ersten Zugriff und lässt sich nicht einfach szenisch hübsch aufbinden. Tilman Gersch aber hat in der Casa genau die richtige Form gefunden, die Vorlage zum Blühen zu bringen.

Man könnte Wächters Stück szenisch auskühlen, man könnte das abstrakte Bild einer digitalen Zukunft entwerfen, die Wachter vorzeichnet. Aber Gersch hat sich für eine Art nostalgischen Ballsaal entschieden, indem die uns noch vertrauten Gegenwartsmenschen auf diese Zukunft der Bindungs- und Findungsschwäche schauen, in der man in fremde Köpfe statt in Herzen blickt, wo man Daten abgreift statt Berührungen.

Wachters Figuren sind auf den ersten Blick Phantome, frei schwebend zwischen Zeit und Raum, Realität und Fiktion. Namenlose Gestalten, entstanden aus der Anonymität des Internets. Sie verrücken Räume wie Maßstäbe. Normal? Verrückt? Erfunden? Echt? Projektion? Wirklichkeit? Alles befindet sich an diesem Abend in schönster Auflösung, bis diese atomisierten Textteilchen sich finden und zu tanzen beginnen; und die Figuren auch, die Gersch und das ungemein spielfreudige Ensemble auf wunderbare Weise zu lebensechten Charakteren formt.

Janina Sachaus F ist dabei eine sprudelnde Energie-Feder, so leicht und energisch, dass sie ihren mit der Videokamera beobachteten Traumtypen mit ihrem Liebeswunsch einfach überrennt. Durch Tom Gerbers süffisante Mund-zu-Mund-Beatmung bekommt dieser M einen bodenständigen, ironischen Ton, während Jörg Malchows E diese fremde Stimme im Kopf hat - und eine kuriose Roboter-Maske manchmal darauf. Ines Krug und Jens Winterstein steigern als Psychiater-Gespann die nüchtern-wissenschaftliche Seite ins Komisch-Überspannte, während sich Jens Ochlast seine Seelenmacken sogar auf die Haut ritzen lässt.

Neurosenschraube zieht an

Wie das alles am Ende zwischen Tapetenkleister und Topfpflanze zusammenkommt, verdichtet Gersch in einem furioses Finale, indem er die Neurosen-Schraube noch einmal ordentlich anzieht. Wer A sagt muss auch B sagen, heißt es schließlich im Stück. Und eine Blumenbank kann auch ein prima Kontakthof sein.

 
 

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