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Der Weg nach Westen: Als Millionen Deutsche selbst Flüchtlinge waren

DDR-Flüchtlinge am Grenzübergang von Tschechien auf dem Weg in die BRD: Weit mehr als 15 Millionen Menschen flohen zwischen 1945 und 1989 von Ost nach West.
DDR-Flüchtlinge am Grenzübergang von Tschechien auf dem Weg in die BRD: Weit mehr als 15 Millionen Menschen flohen zwischen 1945 und 1989 von Ost nach West.
Foto: imago
  • Zwischen 1945 und 1989 flohen Millionen Deutsche nach Westen
  • In der neuen Heimat schlug vielen auch Ablehnung entgegen
  • Fünf Zeitzeugen erzählen, wie sie nach NRW kamen

Essen. Die Geschichte von den scheelen Chinesen ist ein Klassiker im Geschichtenrepertoire meiner Familie. Spätestens dann, wenn der Höhepunkt von Familienfeiern überschritten ist, erzählt sie jemand.

Die Geschichte geht so:

Ein Dorf am Niederrhein, der Zweite Weltkrieg ist noch nicht allzu lange vorbei. Es klingelt an der Haustür. Die Urgroßmutter öffnet sie – und draußen steht eine unbekannte Frau.

Die Frau sagt: „Scheele Chinesen!“ Einfach so. „Wie? Was? Unverschämtheit“, sagt die Urgroßmutter – und schlägt ihr die Tür vor der Nase zu.

Aus Sicht der unbekannten Frau geht die Geschichte wohl so:

Ein Dorf am Niederrhein, der Zweite Weltkrieg ist noch nicht allzu lange vorbei. Das Dorf ist der Frau fremd, sie ist erst vor ein paar Monaten aus Sachsen geflohen. Sie entschließt sich, an der Tür eines Hauses zu klingeln. Im sächsischen Dialekt fragt sie nach einer Tasse Kaffee: „Hamse vielleicht ein Schälchen Heeßen?“

Dann fliegt ihr die Tür vor der Nase zu.

Sprachbarrieren und Vorurteile

Die Anekdote hat ein Happy End: Die Frau aus Sachsen und die Großmutter haben sich am Ende dann doch noch verstanden - und einen gemeinsamen Kaffee gab es wohl auch.

Das Missverständnis ist aber mehr als eine Pointe. Es steht für Tausende Missverständnisse, die immer dann passieren, wenn in einer Gesellschaft Fremde auftauchen.

Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede, Integration: Was uns heute beschäftigt, ist alles schon einmal dagewesen.

Zwischen 1945 und 1989 sind mehr als 15 Millionen Menschen nach Deutschland geflohen, die selbst Deutsche waren. Sie kamen aus den ehemaligen Ostgebieten oder der DDR.

Die „von drüben"

Sie hatten die selbe Religion wie die Einheimischen. Sie hießen Heinz, Peter oder Helga. Und waren trotzdem die Fremden. Die von drüben. „Das waren die aus dem Lager, wo die Ratten über die Straße liefen“, sagt Historiker Frank Hoffmann von der Ruhr-Uni Bochum.

Die meisten Flüchtlinge wohnten anfangs in Baracken, in Unterkünften abseits der Innenstädte. Viele der Flüchtlinge seien eher „kalt“ aufgenommen worden, sagt Hoffmann. „Die Gesellschaft war nach dem Krieg zerstört, der Nationalsozialismus hat keine Volksgemeinschaft hervorgebracht.“

„Der Vertriebene ist eine merkwürdige Figur“

Der deutsche Heimatfilm aus der Zeit zeigt das eindrücklich, sagt Hoffmann. „Der Vertriebene aus dem Osten ist darin immer eine merkwürdige Figur.“ Oder eine Opfer-Nebenrolle, der der gütige Held hilft.

„Es gab in den 50er Jahren ostdeutsche Kulturwochen, damit die Flüchtlinge sich an die Heimat erinnern konnten und die Westdeutschen sahen: Die haben auch eine Kultur, das sind ja auch Deutsche.“

Vom Flüchtling erwartet man Dankbarkeit

Da seien aber nicht alle Flüchtlinge hingegangen. „Das hat man ihnen dann wieder übelgenommen. Die sollten dankbar sein, das hat man erwartet.“

Meine Generation - Menschen zwischen 20 und 40 aus dem Westen - hat beim Wort „Flüchtlinge" bestimmte Bilder im Kopf: Überfüllte Boote auf dem Mittelmeer, Tote am Strand, Islamischer Staat, Flüchtlingsheime im Nirgendwo. Wir kennen die Bilder aus dem Fernsehen, aus dem Internet, wir sehen sie jeden Tag.

Zwischen 1945 und 1989 flohen schon einmal Millionen Menschen - von Ost nach West. Fünf Zeitzeugen erzählen, wie es war, als sie nach NRW kamen:

>> Hans-Joachim Saßik: „Man hat mich wieder zum DDR-Bürger gemacht“

>> Carola Maschke: „Wenn man Menschen und Tiere so schreien hört, vergisst man das nie mehr“

>> Hans-Burkhart Endter: „Ein erhebendes Gefühl, als ich den Ausweis in den Händen hielt“

>> Helga Zöllig: „Die Leute sahen uns an, dass wir Flüchtlinge waren“

>> Peter Butter: „Ich habe die Schiffe gesehen und wusste: Ich muss hier weg“

Dieser Artikel erschien zuerst im Oktober 2017 auf DER WESTEN.

 
 

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