Täter im Nahverkehr ohne Skrupel und Respekt

Jennifer Schumacher
Am 1. November wird ein 43-Jähriger in der 109 ausgeraubt. Die Täter treten weiter auf ihr Opfer ein, als es schon am Boden liegt.
Am 1. November wird ein 43-Jähriger in der 109 ausgeraubt. Die Täter treten weiter auf ihr Opfer ein, als es schon am Boden liegt.
Foto: Fremdbild
Die Zahl der Gewaltdelikte in Bussen und Bahnen in Essen ist vergleichsweise gering. Gut 70 Tätlichkeiten kommen auf 120 Millionen Fahrgäste im Jahr. Dafür steigt die Skrupellosigkeit Einzelner an. Fahrer werden bespuckt und Raubopfer auch dann noch getreten, wenn sie bereits am Boden liegen.

Essen. Die Kraft der Bilder - im Fall zweier in der Straßenbahn 109 brutal ausgeraubten Männer macht sie viele Menschen betroffen und wütend. Obwohl eines der Opfer bereits blutüberströmt auf dem Boden liegt, treten die Täter noch nach, der 43-jährige Essener muss mit Prellungen und Platzwunden in ein Krankenhaus gebracht werden.

Erst am 21. November hatte die Polizei mit ähnlichen Bildern fünf Schläger gesucht, die im Juli einen 29-jährigen Essener in der S1 überfallen und mit Faustschlägen ins Gesicht traktiert hatten.

Ist die Fahrt in Essens Bussen und Bahnen also unsicherer geworden? „Die Angst vor der öffentlichen Fahrt ist völlig unberechtigt“, sagt Evag-Sprecher Olaf Frei - und kann das mit Zahlen belegen. So seien die Gewaltdelikte im Essener Nahverkehr im Vergleichszeitraum 2006 bis 2009 nicht merklich angestiegen. Das bestätigt auch Polizeisprecher Raymund Sandach. Die Zahl der Gewaltdelikte ist sogar zurückgegangen, nicht nur in Bus und Bahn. „Dafür gehen die Täter aber immer brutaler und skrupelloser vor. Ob junge Intensivtäter auf Raubzügen, der in Brand gesetzte Obdachlose oder aktuell der Fall der Straßenbahnräuber. Das ist leider ein gesellschaftliches Problem“, relativiert Sandach.

Evag will 350 Kameras zusätzlich installieren

Eine Stellungnahme des Verkehrsclubs Deutschland im Auftrag des Landtags kommt zu einem ähnlichen Schluss. Subjektive und objektive Wahrnehmung klafften beim Thema Sicherheit im Nahverkehr oft auseinander - was mitunter auch durch die Brutalität der Taten bedingt wird.

In Essen zählte die Evag von 2007 bis 2009 bis zu 70 Tätlichkeiten im Jahr - bei 120 Millionen Fahrgästen jährlich eine niedrige Anzahl. Auch im Vergleich zu anderen Ruhrgebietsstädten schneide Essen gut ab, sagt Olaf Frei. Um die Sicherheit dennoch weiter zu erhöhen, setzt der Essener Verkehrsbetrieb auf einen Ausbau der Überwachung. 350 Kameras zusätzlich sollen in den nächsten beiden Jahren an Haltestellen und Bahnhöfen installiert werden. Schon jetzt sind alle Busse der Evag mit Videoüberwachung ausgerüstet, auf der Schiene wird in 85 Prozent der Fahrzeuge gefilmt. Wenn etwas passiert, kann der Fahrer per Knopfdruck veranlassen, dass die Aufzeichnung gespeichert und nicht wie sonst üblich nach 36 Stunden gelöscht wird.

„Die Respektlosigkeit gegenüber unseren Fahrern hat leider zugenommen“

All diese Zahlen helfen aber wahrscheinlich nicht, die Skrupellosigkeit Einzelner einzudämmen. „Die Respektlosigkeit gegenüber unseren Fahrern hat leider zugenommen. Es kommt immer wieder vor, dass Personal angepöbelt und sogar bespuckt wird“, sagt Olaf Frei.

Mit Hilfe der Aufzeichnungen hat die Polizei aber immerhin Handhabe, gegen die Täter vorzugehen. So gab es im Fall des Straßenbahnraubs vom 1. November bereits erste Hinweise, wie Raymund Sandach mitteilte. Einer der Räuber sei erkannt worden, die Ermittlungen laufen.