Kreator-Frontmann Mille referiert vor Folkwang-Studenten

Sebastian Konopka
Student Andre Pittelkau, Professor Andreas Jacob und der Essener Musik Produzent Dominic Paraskevopoulos diskutierten mit Mille Petrozza.Foto: Sebastian Konopka
Student Andre Pittelkau, Professor Andreas Jacob und der Essener Musik Produzent Dominic Paraskevopoulos diskutierten mit Mille Petrozza.Foto: Sebastian Konopka
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Eigentlich wollte Mille Petrozza, Frontmann der Metal-Band Kreator, an der Folkwang-Hochschule studieren. Aber er durfte nicht. 25 Jahre später referiert er vor den Studenten im Pina-Bausch-Theater. Wo sonst über Barock-Musik gesprochen wird, steht am Dienstagabend Metal auf dem Stundenplan.

Essen. Beinahe hätte ein Kommilitone vor den Folkwang-Studenten referiert. „Ich wollte mal Musik studieren und wollte mich hier einschreiben. Aber das durfte ich nicht. Warum auch immer“. Sei’s drum. Rund 25 Jahre und über zwei Millionen verkaufte Alben später, steht Kreator-Frontmann Mille Petrozza im Pina-Bausch-Theater der Hochschule den Studenten Rede und Antwort.

Es ist eine ungewöhnliche Diskussion, statt über barocke Klänge referiert der Essener über harten Metal und immer wieder ploppen die Kronkorken von Bierflaschen im Auditorium. Während zur Einstimmung das martialische Video zur aktuellen Kreator-Single „Phantom Antichrist“ über die Leinwand flimmert, rümpfen einige Anwesende noch verschreckt die Nase.

„Platten kann man einfach nicht downloaden“

Doch das gibt sich ziemlich schnell ob der natürlichen wie reflektierten Art, in der Miland (so heißt er nämlich richtig) Petrozza über seine Karriere berichtet, zum Beispiel über anfängliche Einflüsse in seiner Schülerband Tyrant, aus der später Kreator hervor gehen sollten. „Ich war beim ersten Konzert, das Metallica jemals in Europa gespielt haben im Vorprogramm von Venom.“ Gerade die letztgenannten hätten einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf den Essener Metaller gehabt.

Es geht um die Praxis, nicht die Theorie, um den Alltag auf Tour („Die Konzerte zu spielen macht riesigen Spaß, aber das Reisen und das damit verbundene Warten nerven schon ordentlich.“), um die Produktion eines Albums, den Umgang mit Starrummel und schwankender Karrierekurve („Als wir 1989 in Polen an einem Tag zwei Mal vor 15 000 Leuten spielen sollten, dachten wir, jetzt sind wir die Größten. Aber das blieb leider nicht so.“) oder auch den Unterschied zwischen dem guten, alten Vinyl und digitaler Musik („Platten kann man einfach nicht downloaden.“).

Zwischendurch können die angehenden Musiker Fragen stellen, wobei die eine oder andere mitunter auch aus einem deutlich wissenschaftlicher geprägten Seminar stammen könnte: „Haben sie für Konzerte ihre Songs durchnotiert?“, will ein Zuhörer wissen. Stirnrunzeln, Rückfrage: „Durchnotiert?! Ach so. Nein, wir sind vier Leute in der Band und nur einer von uns kann Noten lesen. Wir veranstalten zwar keine Jam-Session, weil die Songs eben so sind, wie sie sind, aber gerade bei meinen Soli versuche ich live einfach irgendwie durchzukommen.“

Produzent Dominic Paraskevopoulos über moderne Studiotechnik

Eine andere Studentin will wissen, ob es jemals Probleme oder Kritik ob der zumeist recht „apokalyptischen“ Videos gab. Mille: „Wieso? Die Videos sind doch gut.“ Andere haben eher praktische Fragen in Bezug auf den Konzertalltag: „Wenn du singst: Hast du eine besondere Technik, deine Stimme zu trainieren?“, wobei man beim „Singen“ deutlich die Anführungsstriche hören kann. „Nein, das kommt ganz von selbst. Und ich denke, es ist Kopfsache: Wenn man denkt, dass man die Stimme verliert, verliert man sie auch.“

Petrozza zur Seite steht am Abend auch Produzent Dominic Paraskevopoulos, der unter anderem für Alben von Caliban oder eben auch der neuen Kreator-Scheibe „Phantom Antichrist“ verantwortlich zeichnet. Der hat zwar ebenfalls Interessantes unter anderem über den Wandel der Studiotechnik zu berichten („Früher brauchte man ein Mörderequipment, heute muss man deutlich weniger Aufwand treiben.“), ist aber meistens eher Stichwortgeber für den Stargast des Abends. „Es ist heute sicherlich einfacher, eine Band, die nicht so ganz gut spielen kann, gut klingen zu lassen.“

„Dreigestirn des deutschen Thrash“ mit Sodom und Destruction

Zum Abschluss wagt sich eine Studentin noch an ein heikles Thema: Wie lange könne Mille sich den vorstellen, diese Musik noch zu machen, denn „man wird ja auch älter“? Klare Antwort: „Natürlich wird es anstrengender, aber so lange es Spaß macht – und das tut es auch weiterhin – werden wir weitermachen.“ Spricht’s und unterschreibt beim Rausgehen noch schnell ein paar Kutten mit Kreator-Aufnähern.

Kreator begannen 1982 als Schülerband unter dem Namen Tyrant. Schon damals gehörten Mille, Drummer Jürgen „Ventor“ Reil und Bassist Rob Fioretti zur Besetzung, die über Jahre auch den harten Kern von Kreator bildeten. Mit dem zweiten Demo „End of the World“ ergatterte man einen Plattenvertrag bei Noise Records, die 1985 das Debüt „Endless Pain“ veröffentlichten, dies allerdings schon unter dem Kreator-Banner. Gemeinsam mit Destruction und Sodom bilden die Essener das „Dreigestirn des deutschen Thrash“ und zählen mittlerweile zu den erfolgreichsten Metal-Bands Deutschlands. Bassist Christian „Speesy“ Giesler betreibt übrigens die Metal-Kneipe „Endzeit“ am S-Bahnhof Altenessen. [kein Linktext vorhanden]