Essen als Keimzelle für Poetry-Slammer aus dem Pott

Jennifer Schumacher
gewann den Poetry Slam in der Heldenbar.
gewann den Poetry Slam in der Heldenbar.
Essen als Stadt derDichter und Denker? Das ist nicht abwegig, sondern längst Realität. Egal, ob imGrend, demEmo-Keller, derWeststadthalleoder derHeldenbar: Immer mehr Menschen greifen zum Stift und schreiben.

Essen. Die Szene der sogenannten Poetry-Slammer, der Poeten des 21. Jahrhundert, sie wächst seit Jahren. Hausfrauen, Rentner, Studenten und Hip-Hop-Künstler - immer mehr Menschen greifen in dieser Stadt zum Stift, werfen ihre Synapsen an und kehren vor Publikum ihr Innerstes nach außen.

Der älteste Poetry Slam, also Dichter-Wettstreit, geht seit 2009 in der Heldenbar des Grillotheaters über die Bühne. Am Donnerstagabend traten dort wieder zehn Reimvirtuosen mit gespitzten Zungen, geflügelten Worten und nachdenklichen Tönen gegeneinander an. So etwa Jay Nightwind, der mit „West Stadt Story“ in der Weststadthalle im vergangenen Jahr den bislang jüngsten Poetry Slam ins Leben rief.

Doch Konkurrenz ist in der Slammer-Szene ein Fremdwort, sagt Claas Neumann, der den Wettbewerb gemeinsam mit „Sushi da Slamfish im Grillo organisiert: „Wir freuen uns über jede neue Veranstaltung, das belebt die Szene nur noch mehr.“ Überhaupt sei Essen mittlerweile eine Keimzelle der Slammer im Ruhrgebiet. Das ist der kleinen Heldenbar anzumerken, die am Donnerstagabend vor lauter gespannter Zuhörer aus allen Nähten platzt. Auch der „Grend Slam“ mit Gastgeber Frank Klötgen meldete gestern Abend ausverkauftes Haus. Der Poetry Slam hat das Möchtegern-Intellektuellen-Image längst abgestreift - und ist massentauglich geworden.

Ob es die Übersättigung nervtötenden Fernsehprogramms und grenzdebiler Unterhaltungkultur ist, die all die Menschen zur Poesie zurücktreibt? Für Claas Neumann ist es vor allem die unmittelbare Teilhabe, die den Wettbewerb so erfolgreich macht. Per Punktevergabe stimmt das Publikum direkt nach dem Auftritt über die Leistung der Künstler ab. Unangefochtener Liebling am Donnerstag ist die erst 19-jährige Beatrice Wypchol. Mit gefühlvoller Schreibe über Themen wie Identitätsfindung und Online-Partnerbörsen bis hin zu hoffnungsloser Romantik zieht die schüchterne Studentin ihre Zuhörer in den Bann. Ein Ende des Wortakrobatik-Booms ist nicht abzusehen: Im kommenden Jahr holen Claas Neumann und Sushi da Slamfish gemeinsam mit dem Grend die NRW-Slam-Meisterschaften nach Essen.

Essener Kabarettist Harald Arndt beim „Schwarzen Schaf“

Mit sprachlichen Spitzen kennt sich auch der „Nebenerwerbs-Kabarettist“ Harald Arndt bestens aus. Der wohl komischste IT-Berater Essens geht ab 16. März am Niederrhein ins Rennen um den renommierten Kabarettpreis „Das schwarze Schaf“, bei dem in diesem Jahr Dieter Moor in der Jury sitzt. Harald Arndt kam über eine Satire-Kolumne in der Firmenzeitschrift seines Arbeitgebers, dem IT-Unternehmen HP, vor zehn Jahren zum politischen Kabarett. Seit 2008 reist der 44-Jährige durch ganz Deutschland, um der Bundesregierung von der Bühne aus seine Meinung zu geigen. In Essen hat er sich bislang rar gemacht, verspricht aber, das zu ändern. „Ich habe keine Agentur und kümmere mich um alle Auftritte selbst. Das ist mit einem Fulltime-Job im Nacken nicht immer so leicht“, sagt der sympathische Computerexperte. Warum er sich ausgerechnet das staubtrockene Gebiet der Politik für seine Pointen ausgesucht hat? „Na weil man da aus dem Vollen schöpfen kann. Zum Beispiel, wenn einem der Bundespräsident abhanden kommt“, sagt Arndt. Bei vier Auftritten will er im März beim Publikum punkten, damit er am 5. Mai am Finale in Duisburg teilnehmen kann. Erste Station ist am 16. März das Städtische Bühnenhaus in Wesel.