Syrische Flüchtlinge nähen im Zic’n’Zac an ihrer Zukunft

Bei einem Kooperationsprojekt zwischen der Grafschafter Diakonie aus Moers und dem Essener Näh-Studio „Zic’n’Zac“ konnten Schneider aus Syrien wieder zwei Tage lang ihrem Beruf nachgehen.
Bei einem Kooperationsprojekt zwischen der Grafschafter Diakonie aus Moers und dem Essener Näh-Studio „Zic’n’Zac“ konnten Schneider aus Syrien wieder zwei Tage lang ihrem Beruf nachgehen.
Foto: FUNKE Foto Services
Im „Zic’n’Zac“ haben sechs Flüchtlinge wieder den Faden in die Hand genommen: In ihrer Heimat arbeiteten sie als Schneider.

Essen.. Ihr Geschick im Umgang mit Nadel und Faden haben sechs syrische Schneider am Wochenende im Näh-Studio „Zic’n’Zac“ in der Innenstadt präsentiert. Das Kooperationsprojekt des Essener Geschäftes mit der Grafschafter Diakonie gGmbH aus Moers soll den Flüchtlingen den Einstieg in die deutsche Berufswelt vermitteln.

Geschäftig geht es an diesem Mittag im „Zic’n’Zac“ zu. Im hinteren Bereich des Ladenlokals surren die Nähmaschinen, die sonst für Kurse parat stehen. Es wird geschnitten, auf einer Schneiderbüste wartet ein Tellerrock auf die Fertigstellung, die Bügelbretter sind umlagert. „Wir machen heute sogenanntes Pop-Up-Tailoring, bei dem ältere Kleidungsstücke zu etwas völlig Neuem umgestaltet werden. Aus einem Herrenhemd schneidern wir ein schulterfreies Damenoberteil, aus einem Rock und einem ehemaligen T-Shirt wird ein Kleid mit Paillettenverzierung, eine Tischdecke und einen Bettbezug funktionieren wir zum Kleid im Stil der 1950er-Jahre um“, berichtet Ruth Braun.

Eigenes Modelabel in Planung

Die gelernte Schneiderin und studierte Modedesignerin ist so etwas wie die künstlerische Leiterin des sozialen Projektes. Sie steckt hinter den Entwürfen, die am 11. September zur Einweihung der wiederbelebten Maschinenhalle der Moerser Zeche Pattberg erst in einer Modenschau präsentiert, und dann für das Flüchtlingsprojekt versteigert werden sollen. Sie steht auch am Wochenende mit Rat und Tat zur Seite und soll nicht zuletzt die Kleidungsstücke, die im weiteren Nachgang des Projektes entstehen, in ihrem zukünftigen Geschäft „Seconrella“ in Moers verkaufen.

„Es soll sogar ein eigenes Modelabel daraus entstehen“, schaut Konrad Göke voraus. Er organisiert für die Grafschafter Diakonie Aktivitäten für und Begegnungen mit Flüchtlingen, hat das Nähprojekt zusammen mit dem Geschäftsführer Rainer Tyrakowski aus der Taufe gehoben. „Wir sind der Meinung, dass jeder Flüchtling so schnell wie möglich die Chance erhalten soll, tätig zu werden – unabhängig von seinem Status“, erläutert er und verweist auf das Potenzial, das er schon im Bereich des Schneiderhandwerks gefunden hat. „Wir haben jetzt hier Menschen, die eigene Schneidereien betrieben und in größeren Betrieben gearbeitet haben oder auch für die Fabriken der großen Ketten tätig waren“, erläutert er. Industrie- und Handelskammer sowie Handwerkskammern sind auch schon aufmerksam geworden.

16 Jahre lang als Schneider in Aleppo gearbeitet

Die Schneider sollen dabei erst der Anfang sein.Und die sind froh, endlich wieder Nadel und Faden in die Hand nehmen zu können. Nach einer Einarbeitung an den deutschen Nähmaschinen – der Unterschied zu den syrischen Modellen ist laut Zic’n’Zac-Inhaber Joachim Bürger gewaltig – können sie loslegen. Das Material stammt aus einer Kleiderkammer.

Shadi Hussein hat sich wieder seinem halb fertigen Tellerrock angenommen, aufmerksam mustert er die Häkel-Bordüre, mit der das Stück verziert sein wird. „Ich war 16 Jahre lang Schneider in Aleppo, zeitweise mit eigenem Geschäft. Es war schwer für mich, das alles aufzugeben – aber wegen der Kinder ging es nicht anders“, sagt der 32-Jährige. Seit einem Jahr ist er in Deutschland, keine leichte Zeit sei das gewesen. Für ihn ist dies nun die erste Gelegenheit, wieder in seinem Beruf zu arbeiten.

Zwei Tage machen etwas Hoffnung

Im Gegensatz zu ihm, der bereits mit der Familie eine Wohnung bezogen hat, lebt die 38-jährige Eman Kachour noch in einer großen Flüchtlingsunterkunft. Die Frau aus Damaskus war mit ihrer Mutter geflohen, früher arbeitete sie von zu Hause aus. Die gelernte Schneiderin legt kurz das Bügeleisen zur Seite, mit dem sie den Stoff für die zukünftige Krawatte glättet. „Natürlich möchte ich wieder als Schneiderin arbeiten“, sagt sie. Das wird noch eine Weile ein Traum bleiben, sie darf in Deutschland keiner beruflichen Beschäftigung nachgehen. Aber immerhin haben ihr die beiden Tage in Essen ein bisschen Hoffnung gemacht – und Abwechslung in ihren Alltag gebracht.

 
 

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