Zweckmäßiger Neubau ersetzt Jugendstilhaus

Peter Zahnen von der Kanzlei Zahnen & Zahnen mit den Bildern seiner Vorfahren.
Peter Zahnen von der Kanzlei Zahnen & Zahnen mit den Bildern seiner Vorfahren.
Foto: WAZ FotoPool
Die traditionsreiche Anwaltskanzlei „Zahnen & Zahnen“ ist seit 100 Jahren an der Zweigertstraße ansässig. Im Familienalbum ist die Geschichte des Hauses dokumentiert.

„Zahnen & Zahnen“ steht neben der hölzernen Eingangstür an der Zweigertstraße. Das moderne Plexiglasschild verrät nicht, dass hier eine der traditionsreichsten Essener Anwaltskanzleien seit 100 Jahren ihren Sitz hat. „Mein Urgroßvater Josef Zahnen hat das Grundstück 1905 erworben, als er erfuhr, dass das Landgericht in unmittelbarer Nähe errichtet wird“, erzählt Peter Zahnen und zeigt auf das Porträt des ernst blickenden Mannes, das im Besprechungszimmer hängt. Direkt daneben blickt Großvater Paul Zahnen grimmig auf seinen Nachfahren runter.

Ihm ist es zu verdanken, dass die Erinnerung an das 1906 erbaute Haus wach gehalten wird. Denn Paul Zahnen hat im Alter seine Memoiren geschrieben und akribisch dokumentiert, wie das „schmucke Einfamilienhaus“, in das erst die Familie und sieben Jahre später die Kanzlei einzog, ausgestattet war: Der Architekt wählte einen geschmackvollen, wenig auffälligen Jugendstil. Trat man durch die Eingangstür, öffnete sich eine große Diele, veredelt mit weißem Marmor, von der aus eine mächtige Eichentreppe in die drei Geschosse führte.

Sinn für das Altbewährte

Feinstes Holz wurde für die Böden und Fenster verwendet, die Heizkörper verbargen sich hinter kunstvoll gestalteten Verkleidungen. Bei allem Sinn für das Altbewährte hatten Peter Zahnens Vorfahren aber auch ein Faible fürs Moderne: So stand in der Küche das erste Modell eines elektrisch betriebenen Kühlschrankes, „auf den mein Großvater unglaublich stolz war. Er behauptete immer, es sei der erste seiner Art in Essen gewesen.“

Bis 1944 lebten und arbeiteten Vater und Sohn gemeinsam in der Kanzlei, dann kam eine 250 Kilo schwere Sprengbombe und hinterließ nichts als Schutt und Asche. „Von der ganzen Herrlichkeit blieb nichts. Was an Einzelteilen, Metall, Installationen oder Ähnlichem noch hätte geborgen werden können, wurde gestohlen“, notierte Paul Zahnen.

„Wenn ich mir die alten Bilder anschaue, dann kann ich die Wehmut meines Großvaters verstehen“, sagt Peter Zahnen und blättert in dem alten Fotoalbum. Jeder Raum, jede Lampe, jeder Stuhl und jedes Sofa wurde für die Nachwelt festgehalten. Gediegen und gutbürgerlich würde man heute die Einrichtung nennen. Ein einziges Foto zeigt die damaligen Bewohner: Zwei kleine Mädchen in Tüllkleidern sitzen auf der Treppe. „Das sind meine beiden Tanten.“

Neubau entstand 1952

Erst 1952 entstand an gleicher Stelle ein neues Haus: Nicht so elegant wie das alte, sondern eher schmucklos und zweckmäßig. „Dem Charakter der Straße entsprechend. . . wurde nunmehr ein viergeschossiges Haus mit mehreren Wohnungen geplant und ausgeführt“, schreibt Paul Zahnen.

In einer davon lebt jetzt Enkel Peter Zahnen, in einer anderen ist, wie seit Jahrzehnten, die Kanzlei untergebracht. Immer noch heißt sie „Zahnen & Zahnen“. „Bis vor ein paar Jahren habe ich mit meinem Vater zusammen praktiziert“. Hans-Peter Zahnen ist in diesem Jahr verstorben, „Ich bin jetzt der letzte Zahnen in Essen. Ich habe keine Kinder, also wird der Name aussterben.“

Weitere Folgen der Serie "Geschichten aus Stein" finden Sie hier.

 

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