Warum eine Essener Familie an Weihnachten Flüchtlinge zu sich einlädt

Elli Schulz
Den Tannenbaum haben Robert, Bruno und Freddy (v.l.) schon mal geschmückt.
Den Tannenbaum haben Robert, Bruno und Freddy (v.l.) schon mal geschmückt.
Foto: FUNKE Foto Services
Am ersten Weihnachtsfeiertag feiert eine Familie von der Essener Margarethenhöhe mit einer fünfköpfigen serbischen Familie aus einem Zeltdorf.

Essen. Ein bisschen anders als sonst wird Familie ter Haar in diesem Jahr Weihnachten feiern. Und sie freut sich darauf. Barbara ter Haar-Malmendier (44), Stefan ter Haar (49), Freddy (12), Bruno (8) und Robert (6) werden den ersten Weihnachtstag dieses Mal nicht nur wie üblich mit Oma, Opa, Tante und Co. verbringen, sondern auch mit einer fünfköpfigen serbischen Flüchtlingsfamilie, die aktuell im Zeltdorf an der Planckstraße in Essen untergebracht ist. Die Patchwork-Familie von der Margarethenhöhe ist einem Aufruf der katholischen Gemeinde Heilige Familie gefolgt und hat für Weihnachten Flüchtlinge zu sich eingeladen.

„Als wir von der Aktion im Gemeindebrief gelesen haben, war sofort klar: Das machen wir“, sagt Barbara ter Haar-Malmendier. Sie arbeitet als Psychotherapeutin auch mit traumatisierten unbegleiteten Kindern und Jugendlichen, befasst sich mit der Situation der Flüchtlinge. Mit deren Schicksal war die Familie im Sommer ganz direkt konfrontiert, als sie Urlaub auf der griechischen Insel Lesbos machte. „Wir haben die Schlauchboote gesehen, die erschöpften Menschen, darunter Schwangere, die in brütender Hitze über die Berge gewandert sind. Es waren erschütternde Erlebnisse, die einen viel mehr betreffen als alles, was man darüber im Fernsehen sieht“, sagt die Mutter.

Kaffee und Lebkuchen, Lieder und Spiele

Die Besitzer des kleinen Hotels, in dem die Familie den Urlaub verbrachte, engagierten sich seit langem für Flüchtlinge. Auch viele Gäste kämen jedes Jahr wieder, um im Urlaub zu helfen. Familie ter Haar besuchte ein kleineres Flüchtlingsdorf auf Lesbos, lernte einen durch Bomben verletzten Syrer kennen, dessen Schicksal sie weiter verfolgte. Inzwischen sei er im Saarland. „Über den Kontakt mit Hilfsorganisationen ist es mit Hilfe von Spenden gelungen, ihm einen Rollstuhl zu beschaffen“, sagt ter Haar-Malmendier.

Am ersten Weihnachtstag wird Stefan ter Haar eine Familie mit drei Kindern (14, 3 und ein Säugling) mittags im Holsterhauser Flüchtlingsdorf abholen. Dann gibt es zum gegenseitigen Kennenlernen erstmal Kaffee und Lebkuchen, es wird gesungen und gespielt. „Vielleicht kommen die Frauen ja mit in die Küche“, will Barbara ter Haar-Malmendier den Nachmittag möglichst locker gestalten. Aus diesem Grund wird es auch das Abendessen – Suppe, Geflügel und als typisch deutsches Element Kartoffelsalat – teils in Buffetform geben. „Dann sitzen nicht alle steif am Tisch, sondern können herumlaufen“, sagt die 44-Jährige.

Gäste und Gastgeber kennen sich noch nicht

Die Gemeinde habe die Aktion bewusst für Flüchtlingsfamilien mit christlichen Hintergrund gestartet, Gäste und Gastgeber kennen sich noch nicht, wurden einander zugeteilt. Die Gastgeberin setzt darauf, dass die Verständigung schon irgendwie klappen wird, mit ein bisschen Englisch, mit Händen und Füßen. „Wichtig ist, dass jeder seine Werte behält, aber offen und neugierig ist“, sagt die Mutter. Sie will für jeden ein kleines Geschenk vorbereiten, aber die Bescherung soll auf keinen Fall im Vordergrund stehen, sondern vielmehr das gemeinsame Feiern.

Die über 80-jährigen Schwiegereltern seien schnell von der etwas anderen Festgestaltung überzeugt gewesen. „Sie haben natürlich schon mitbekommen, dass uns das Thema Flüchtlinge beschäftigt“, sagt ter Haar-Malmendier. Die Kinder dagegen hätten erst gestutzt, als sie von den Plänen erfuhren. „Aber dann habe ich sie an die Weihnachtsgeschichte erinnert, an die Odyssee von Maria und Josef, die froh waren, am Ende im Stall unterzukommen.“ Klar können die Flüchtlinge mitfeiern, sei die Reaktion der Kinder gewesen. „Für unsere Jungs ist das sicher eine wichtige Erfahrung, sich einmal klar zu machen, wie gut es uns geht und was wir für ein Glück haben, hier zu leben“, ist Barbara ter Haar-Malmendier überzeugt.