Verfall der alten PH in Essen - Wut über Geister-Uni wächst

Jennifer Schumacher
Seit 2005 steht die Alte Pädagogische Hochschule in Rüttenscheid leer. Der BLB beteuert, den Komplex verkaufen zu wollen. Nun lässt er ein Gutachten zum Verkehrswert erstellen.
Seit 2005 steht die Alte Pädagogische Hochschule in Rüttenscheid leer. Der BLB beteuert, den Komplex verkaufen zu wollen. Nun lässt er ein Gutachten zum Verkehrswert erstellen.
Foto: WAZ Fotopool
Der Verfall der Pädagogischen Hochschule schreitet voran und der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW schaut zu: Nun fordern der ansässige Verein für Gesundheitssport und Anwohner ein Ende des Stillstands. Seit 2005 ist das 3,3 Hektar große Gelände sich selbst überlassen – und zieht ungebetene Gäste an.

Essen-Rüttenscheid. Die Quitten im Pflückbeutel haben ihre beste Zeit hinter sich: „Da mache ich noch Gelee draus“, verkündet eine Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, während sie über die Absperrung klettert. Früher kam die Sozialpädagogin zum Studieren an die Pädagogische Hochschule, heute kommt sie zum Ernten.

Seit 2005 steht der Komplex an der Henri-Dunant-Straße samt botanischem Garten und Gewächshäusern leer. Der Eigentümer, der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB), überlässt das 3,3 Hektar große Gelände sich selbst (wir berichteten).

Bauzaun soll vor Eindringlingen schützen

Nachdem Anwohner Volker Schröder und sein Nachbar Marcel Fabritz 2012 öffentlich Vandalismus auf dem Areal angeprangert hatten, wurde ein Bauzaun aufgestellt, der vor ungebetenen Eindringlingen schützen soll.

Offenbar mit mäßigem Erfolg, wie ein verlassener Schlafsack hinter einem geöffneten Fenster vermuten lässt. „Am Wochenende ist hier immer was los, Jugendliche kommen zum Feiern hierher“, sagt Volker Schröder, der nur wenige Meter weiter in einer gepflegten Wohnsiedlung lebt, die so gar nicht zu den Graffiti und eingeworfenen Fensterscheiben passen will, die an der alten PH das Bild prägen.

Guerilla Gärtner legen Gemüsebeete an

Während im Garten einige Hobby-Gärtner aus der Not eine Tugend und aus wucherndem Unkraut gepflegte Beete mit Kräutern, Tomaten und Radieschen gemacht haben, scheint im Gebäude die Zeit stehen geblieben zu sein. Relikte wie Disketten und Overhead-Projektoren setzen Staub an, im ehemaligen „Medienraum“ liegen alte Negative achtlos auf dem Boden. Die Feuerwehrschläuche auf den Gängen sind aus der Verankerung gerissen, an einer Stelle klafft ein Loch in der Decke. Die Aula ist komplett bestuhlt, neben dem Souffleusen-Graben liegen Notenhefte mit Werken von Schubert und Liszt. „Ich begreife nicht, wie man ein solches Filetstück verkommen lassen kann“, sagt Schröder, der hier lieber neue Nachbarn in „gepflegten Ein- und Zwei-Familienhäusern“ begrüßen würde.

VGSU will Sportstätten sanieren

Nicht nur für die Anwohner ist die Hängepartie ein Ärgernis. Auch der Verein für Gesundheitssport der Uni Duisburg Essen (VGSU) wünscht sich Klarheit. Er nutzt rund drei Hektar der Fläche mitsamt Sporthalle und Lehrschwimmbecken. „Hier muss sich die Landespolitik einschalten“, fordert VGSU-Vorsitzender Jürgen Schmagold. Nachdem der BLB den Verein immer wieder hingehalten habe, möchte Schmagold erneut ein Kaufangebot für den vergleichsweise kleinen Teil des Geländes vorlegen. „Wir haben zu Beginn der Woche Gespräche geführt. Ich habe Hoffnung“, so Schmagold. Zahlen müssen wird der VGSU wohl nur das Grundstück – der Verkehrswert der Gebäude dürfte gleich null sein. „Für uns würde es sich dennoch lohnen. Wir brauchen den Standort hier im Süden, schon allein, weil viele Mitglieder nicht so mobil sind“, so Schmagold.

Während die alte PH hinter Unkraut und Büschen im Dornröschenschlaf versinkt, denkt der BLB nicht im Traum daran, einen Ritter in Form eines Investors vorbeizuschicken – obwohl es, laut Stadtkreisen, schon Angebote gab. Ende September, so Sprecherin Liane Geradi, sei ein Verkehrswert-Gutachten in Auftrag gegeben worden.

Schnelligkeit - ein dehnbarer Begriff

„Da muss jetzt schnell etwas passieren“, zitierte diese Zeitung Geradi bereits im August vergangenen Jahres. Schnelligkeit scheint ein dehnbarer Begriff beim BLB.

Immerhin wird die Sozialpädagogin mit grünem Daumen wohl noch mindestens eine Obst-Ernte mitnehmen können. Volker Schröder hat gestern schon mal ein Glas Quittengelee bestellt – als süßes Schmerzensgeld gegen die Verbitterung ob des Stillstandes.