So leben und arbeiten die Menschen im alten Wasserturm

Elli Schulz
Sie leben im Turm, wenn auch nicht mehr lange: Iryna Kostyshyn mit Sohn Julius auf der Schlafetage.
Sie leben im Turm, wenn auch nicht mehr lange: Iryna Kostyshyn mit Sohn Julius auf der Schlafetage.
Foto: WAZ FotoPool
Architektur-Experten sind begeistert vom umgebauten Bredeneyer Wasserturm. Das Ehepaar Nicolas Burkhardt und Iryna Kostyshyn lebt dort – und ist fasziniert von der Kombination aus Industrie-Ambiente und Gemütlichkeit. Das Denkmal ist nicht nur Wohnraum, sondern auch Arbeitsplatz.

Essen-Bredeney. Architektur-Experten sind begeistert vom umgebauten Bredeneyer Wasserturm. Doch wie lebt es sich in einem so schlanken Gebäude? „Das ist wie ein Droge. Wir werden wohl niemals wieder in einem normalen Haus leben können.“

Nicolas Burkhardt zog im September 2011 in den Bredeneyer Wasserturm. „Hier ist es extrem stylish, eine wunderschöne Wohnung“, sagt er über die rund 85 Quadratmeter auf zwei Etagen, wo er mit seiner Frau Iryna Kostyshyn und dem elf Monate alten Sohn Julius Alexander lebt - wenn auch nicht mehr lange. „Wir haben uns hier sehr wohlgefühlt, gehen eher mit einem weinenden Auge“, sagt der Manager. Mit Kind sei die Wohnung einfach nicht mehr geeignet.

Durch die offene Bauweise ohne Zwischendecken, die natürlich auch den Reiz ausmacht, ist die Wohnung sehr hellhörig. „Wenn ich unten huste, wird der Kleine oben im Bett wach. An Fernsehen ist gar nicht zu denken...“, sagt Burkhardt. Und auch die offene Stahltreppe, die auf die zweite Ebene führt, macht die Umzugspläne der jungen Eltern nachvollziehbar.

Vor der Geburt von Julius habe das alles keine Rolle gespielt. Burkhardt wohnte vorher in einem kleinen, versteckten Haus im Stadtwald. Irgendwann stieß er auf den Wasserturm. Von Anfang an faszinierte ihn die Kombination aus kühlem Industrie-Ambiente mit Betonwand und Stahltreppe, die im Zusammenspiel mit dem Holzboden und verschiedenen Lichtquellen für Spannung sorgt.

Das aufgrund des Raumzuschnitts zwangsläufig reduzierte Mobiliar gibt dem Raum eine ruhige Atmosphäre. „Wir sind beide beruflich sehr eingespannt und können uns hier richtig gut entspannen“, findet Burkhardt. Weil sich der Turm nach oben verjüngt, kann man nur mit Mühe Bilder aufhängen. Die sind eigentlich auch überflüssig - der Waldblick sorgt für mehr als adäquaten Ersatz.

Burkhardt hält das Ruhrgebiet für eine völlig unterschätzte Region. Seine Frau stammt aus Düsseldorf. „Der Turm hat mich überzeugt, nach Essen zu ziehen“, lacht Iryna Kostyshyn, die als Wirtschaftsprüferin arbeitet. Auf der Suche nach einem kindgerechten Zuhause sah sich das Ehepaar auch die Tuchfabrik in Werden an. „Hübsch, aber vom Zuschnitt für uns nicht geeignet“, sagt Nicolas Burkhardt. Bald werden die drei nun doch in Düsseldorf wohnen - in einer alten Kaserne. Damit keine falschen Hoffnungen aufkommen: Ein Nachmieter für die Wohnung im Turm ist schon gefunden.

Kunden der „31M Agentur für Kommunikation“ genießen Blick übers Ruhrgebiet 

Im Wasserturm kann man nicht nur stilvoll leben, sondern auch sehr inspiriert arbeiten. Davon ist Dieter Rehmann, Geschäftsführer der „31M Agentur für Kommunikation“ überzeugt. Er machte sich 2003 im Gründerzentrum Triple Z selbstständig, zog 2005 mit der Agentur in die beiden unteren Etagen des Wasserturms. „Hier kann man optimal mit sechs Leuten arbeiten. Die offene Bauweise ist für uns ideal, weil viele Dinge auf Zuruf passieren“, so Rehmann, der seine Firma „31M“ nach dem 31 Meter hohen Turm benannte.

Zuerst waren ihm die Räume als Wohnung angeboten worden. „Das kam nicht in Frage, aber für die gewerbliche Nutzung sind die 180 Quadratmeter toll.“ Dicke Wände und die Lage im Wald hielten im Sommer die Hitze ab. Alles sei mit viel Sinn fürs Detail gestaltet. Den Ausschlag, die Räume zu mieten, gab der Vorschlag der Architekten, die oberste Ebene des Turms mit Zugang zur Balustrade als Besprechungsraum dazu zu bekommen. Auch, wenn der Turm selbst nur gut 30 Meter hoch ist, steht man auf der Aussichtsplattform 200 Meter über dem Meeresspiegel. Von dort hat man einen Blick über Wälder und Felder bis nach Düsseldorf. „Kunden aus Süddeutschland fragen schon mal, ob da hinter den Bäumen noch Ruhrgebiet ist. Ich sage dann: Nein, da ist schon Bayern“, grinst Rehmann.

Architekten Michael Dahms und Armin Koch freuen sich über die Auszeichnung 

2002 bauten die Architekten Michael Dahms und Arnim Koch den unter Denkmalschutz stehenden Wasserturm am Walter-Sachsse-Weg mit großem Aufwand um. Es entstanden vier Einheiten über jeweils zwei Etagen, die individuelles Wohnen und Arbeiten ermöglichen. Die beiden Geschäftsführer des Oberhausener Architekten-Büros Madako wurden jetzt ausgezeichnet. Ihr Projekt „Wasserturm Bredeney“ gehört zu den 100 Preisträgern des bundesweiten Wettbewerbs „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen 2013/14“.

Der Wettbewerb stand erstmals unter dem Motto „Ideen finden Stadt“. Die 18-köpfige Jury lobte, dass es den Architekten gelungen sei, einem nicht mehr genutzten Industrie-Gebäude neues Leben einzuhauchen. Insgesamt hatten sich rund 1000 Teilnehmer beworben.

Noch ist der Wettbewerb nicht zu Ende. Die Preisträger können Bundessieger in sechs Wettbewerbskategorien wie Kultur, Umwelt u.ä. werden. Aktuell läuft noch die Publikumsabstimmung im Internet. „Derzeit liegen wir im Mittelfeld der 100 Bewerber“, sagt Arnim Koch. Aber noch könne man ja für den Turm voten. „Erstmal freuen wir uns aber sehr über die tolle Platzierung.“