Schüler verpassen Faust eine filmische Verjüngungskur

Die Dreharbeiten zu Faust 20.16, hier eine Szene aus dem Auerbachskeller.
Die Dreharbeiten zu Faust 20.16, hier eine Szene aus dem Auerbachskeller.
Foto: WAZ
Der Literaturkurs Video des Viktoria-Gymnasiums verfilmt Goethes Klassiker. „Faust 20.16“ feiert am 19. Juni im Eulenspiegel-Kino Premiere.

Essen-Südostviertel.  Ein schwach beleuchteter Dachboden in einem denkmalgeschützten Gebäude im Südostviertel. Zwischen Scheinwerfern und alten Balken stehen im pudeligen Kern der Szenerie einige Stehtische. Sie alle gehören zu „Viktorias Rooftop-Bar“, wo nachher Luz vor laufender Kamera mit allerlei Tricks versuchen wird, Johannes zu verführen. Er ist „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ – eine moderne Auslegung von Goethes Mephisto: Mit dem Videoprojekt „Faust 20.16“ hauchen die Schülerinnen und Schüler des Literaturkurses Video am Viktoria-Gymnasium dem großen Standardwerk der deutschen Literatur frisches Leben ein – mit einer ganz eigenen Deutung, wie Lehrer Christian Mielke betont.

„Das Viktoria-Gymnasium zeichnet auch die Entwicklung des Stadtviertels nach, wir haben viele Schüler mit Migrationshintergrund. Das spiegelt sich im Film wieder“, erläutert der 63-Jährige, der zusammen mit Sandra Wülfing den Kurs beim Umgang mit Scheinwerfer und Kamera anleitet.

Auch das Drehbuch für ihre eigene moderne Auslegung des mehr als 200 Jahre alten Stoffes haben die Schülerinnen und Schüler des Literaturkurses Video selbst verfasst und sich dabei an ihre eigene Lebenssituation orientiert.

Im Fokus des „Faust 20.16“ steht der Religionskonflikt. Das viktorianische Gretchen von heute heißt Shirin und ist gläubige Muslima. Sie verliebt sich in Johannes, das moderne Pendant zu Faust, der aber nicht an Gott glaubt – eine moderne Fassung der Gretchen-Tragödie, die sich nah am Alltag der Schülerinnen und Schüler bewegt, wie auch Deniz Yildirim weiß. „Viele Eltern und Familien wollen nicht, dass man Andersgläubige heiratet“, erklärt die 17-Jährige, die das muslimische Gretchen verkörpert.

Dieser Konflikt zwischen Moderne und Religion beeinflusste auch die Inszenierung des Films. Die Umsetzung des Monologs, den Goethe zu Anfang des „Faust“ Gott in den Mund schreibt, bereitete so manche Schwierigkeit, denn einige gläubige Schüler lehnten eine Personifizierung Gottes im Film ab. „Wir haben das dann mit moderner Technik gelöst“, erklärt Sandra Wülfing. Mehr möchte die 46-Jährige aber noch nicht verraten.

Neben der berühmten Gretchenfrage um den persönlichen Glauben versuchen die Jugendlichen mit ihrer eigenen Interpretation auch der Frage nachzugehen, ob Goethes Werk in der heutigen Zeit überhaupt noch wichtig ist.

Und hier spalten sich dann die Meinungen der Schüler. Während so mancher dem abiturrelevanten Stoff nicht viel abgewinnen kann, ist für Jan Holmes Goethes Werk über alle Zweifel erhaben: „Man kann auf jeden Fall Parallelen zur modernen Gesellschaft ziehen.“ Der 17-Jährige spielt den ungläubigen Johannes und er ist sich sicher: „Wer Faust nicht kennt, hat was verpasst.“

Am Sonntag, 19. Juni,feiert der Film „Faust 20.16“ im Filmtheater Eulenspiegel an der Steeler Straße um genau 20.16 Uhr Premiere.Eintrittskarten sind im Sekretariat des Viktoria-Gymnasiums unter Telefon 85 69 130 erhältlich. Weitere Aufführungen des Schüler-Films sollen im Herbst folgen.

 
 

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