Mädchen gegen Generäle - Straßen werden symbolisch umbenannt

Die Straßen wurden im Rahmen der Kundgebung symbolisch umbenannt.
Die Straßen wurden im Rahmen der Kundgebung symbolisch umbenannt.
Foto: WAZ FotoPool
Das Netzwerk „Irmgard und Ortrud“, das sich für eine Umbenennung der Straßen einsetzt, hat die Kreuzung bei einer Kundgebung symbolisch umgetauft. Rund 70 Bürger kamen am Sonntagnachmittag. Bis zum Bürgerentscheid am 3. Februar dürften noch viele weitere Aktionen beider Initiativen folgen.

Essen-Rüttenscheid.. Der Radetzky-Marsch dröhnt aus den Boxen an der Kreuzung Von-Seeeckt/Von-Einem-Straße, als die beiden Generäle Gesellschaft von Irmgard und Ortrud bekommen. Mit Kabelbindern ausgerüstet, taufen die Befürworter der Straßenumbenennung die zurzeit wohl umstrittensten Schilder der Stadt kurzerhand selbst um. Als dann final „Girls, Girls, Girls“ gespielt wird, brandet Applaus auf. Finale einer Kundgebung, der das Prädikat „Graswurzelbewegung“ auf den Leib geschneidert ist. Kinder schwenken bunte Luftballons, ihre Eltern verteilen Buttons, allesamt mit dem Aufdruck „Nein zu falschen Helden“. Unter roten und grünen Pavillons schenken die Nachbarn Glühwein und Kinderpunsch aus, verteilen selbst gemachten Kuchen.

Politiker nutzen Kundgebung

Auch, wenn Initiativen-Sprecher Günter Hinken versichert, die Pavillon-Farben seien nicht politisch motiviert, so nutzen die Roten, Grünen und Tiefroten der Stadt den Sonntagnachmittag zum politischen Trommelwirbel. Ute Hinz von der SPD wollte sich nicht in Rage reden, tut es dann aber doch: „In Kray gehen die Bürger gegen die NPD-Landeszentrale auf die Straße und in Rüttenscheid sollen wir über diese Namen einfach wegdenken?“, empört sie sich.

Rund 70 Bürger sind gekommen, darunter nicht nur Anwohner aus den beiden betroffenen Straßen. Anne Walter aus Frohnhausen etwa, die beim Bürgerentscheid am 3. Februar zwar nicht mitwählen darf, die sich aber für die Umbenennung stark macht: „Ich bin Essenerin. Und will diese beiden Namen nicht länger auf der Straßenkarte lesen“, sagt sie. Melanie Rudolph, die in der Von-Einem-Straße lebt, geht es ähnlich: „Persönlichkeiten auf Straßennamen sollten eine Vorbildfunktion haben. Deswegen ist die Umbenennung richtig“, sagt sie. Dabei hofft die 39-Jährige, dass der Straßenstreit nicht die gute Nachbarschaft zerstört: „Es ist wichtig, dass wir miteinander reden“, sagt sie. Sonja Clasen-Bonde, die an den Kompromissgesprächen mit der „Pro Von“-Initiative beteiligt war, hat ähnliche Sorgen um die Nachbarschaft. „Die Einladung zu dieser Kundgebung lag zerrissen vor meiner Haustür“, erzählt sie.

„An was wollen wir uns erinnern?“

Unter den Teilnehmern sind nur wenige Unterstützer der Initiative „Pro Von“. Thomas Spangenberg gehört dazu, für den die Entscheidung der Bezirksvertretung „über die Köpfe von uns Bürgern hinweg“, nicht nachzuvollziehen ist. Ihn stört es, dass beide Straßen isoliert betrachtet werden: „Da hätten wir in Essen eine Menge zu tun, wenn wir alle historisch umstrittenen Namen ändern müssten.“

Nachdem der Kompromiss, die Namen anderen Persönlichkeiten umzuwidmen, scheiterte, geht es Günter Hinken nun um „Aufklärung, nicht Indoktrination“ wie er sagt. Mit der Kundgebung wolle sein Netzwerk auch an die Straßen-Umbenennung durch das Nazi-Regime vor fast genau 75 Jahren erinnern. „An was wollen wir uns erinnern?“, fragt Hinken in die Menge und wehrt sich gegen den Vorwurf, Geschichte zu verdrängen. „Wir bemühen uns, aus der Geschichte die richtigen Lehren zu ziehen“, so Hinken.

Hans Wohland steht etwas abseits, applaudiert immer wieder. Der 60-Jährige hat bis 1992 in der Von-Seeckt-Straße gewohnt und setzte sich damals ebenfalls für eine Umbenennung ein. Heute wohnt er in Heisingen, die Straßennamen lassen ihn aber dennoch nicht kalt. „Ich hoffe auf den Bürgerentscheid“, sagt er während Cindy Lauper mit „Girls just wanna have fun“ akustisch „Preußens Gloria“ ablöst.

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