Gesundheitstraining nach der Diagnose Krebs

Das Gesundheitstraining nach der Diagnose Krebs organisiert Ulla Timmers-Trebing (r.).
Das Gesundheitstraining nach der Diagnose Krebs organisiert Ulla Timmers-Trebing (r.).
Foto: Funke Foto Services
Der Verein für Gesundheitssport und die Sporthochschule Köln wollen beweisen, dass abgestimmtes Training bei Krebs helfen kann.

Essen-Rüttenscheid..  Alle Männer und Frauen, die im Rund der Sporthalle an der Henri-Dunant-Straße Platz genommen haben, eint bei all ihren Unterschieden ein schweres Schicksal: die Diagnose, unheilbar an Krebs erkrankt zu sein. Wer in die Gesichter blickt, der sieht dennoch keine Spur von Resignation oder Mutlosigkeit. „Wir sind Pioniere“, sagt eine Teilnehmerin und Stolz schwingt in ihrer Stimme mit.

Sie gehören zu den Teilnehmern einer Studie des Vereins für Gesundheitssport (VGSU) in Kooperation mit der Sporthochschule in Köln. Damit soll wissenschaftlich belegt werden, was Sporttherapeutin Ulla Timmers-Trebing, Onkologe Dr. Roland Rudolph und natürlich die Teilnehmer längst wissen: dass ein individuell abgestimmter Trainingsplan selbst bei einer unheilbaren Krebserkrankung gewisse Symptome lindern kann und auch psychologisch ungemeine Effekte frei setzen kann. An der Studie nehmen dabei ausschließlich Patienten mit Dickdarmkrebs teil, der bereits gestreut hat und als unheilbar gilt. „Für die Studie müssen wir eine Vergleichbarkeit herstellen“, erläutert Roland Rudolph.

„Anfangs kam ich mir ganz schön bescheuert vor, auf Gummi-Kissen zu stehen und kleine Säckchen in die Luft zu werfen. Heute weiß ich, dass es meinen Gleichgewichtssinn verbessert hat“, sagt ein 76-Jähriger und erntet Zustimmung von seinem Sitznachbarn: „Die Chemotherapie tötet leider nicht nur die Krebszellen ab, es wird dann auch immer schwieriger, die Balance zu halten. Die Übungen haben mir geholfen, ich kann jetzt wieder freihändig die Treppe hoch und runter laufen.“

Alle Teilnehmer des ersten Durchgangs der Studie, die im Juli endete, setzten die Trainingseinheiten freiwillig fort. Neben dem Gleichgewichtstraining sind auch Ausdauer- und Kraftübungen wichtige Bestandteile der Sportstunde, zu der die Teilnehmer zwei Mal die Woche zusammenkommen. „Erste Ergebnisse einer Pilotstudie im Jahr 2012 haben einen Kraftzuwachs von 60 bis 70 Prozent ergeben – und das nach gerade einmal acht Wochen Training“, sagt Ulla Timmers-Trebing. Einen Effekt, den auch die jüngste Teilnehmerin der Runde festgestellt hat. „Nach der Diagnose hatte ich das Gefühl, mein Körper hätte mich im Stich gelassen. Jetzt bewältige ich Übungen, die ich vermutlich gesund nicht geschafft hätte – ich habe vor der Erkrankung keinerlei Sport getrieben.“

Mit der Studie möchte der VGSU nicht zuletzt auch eine größere Akzeptanz von Sport bei Krebserkrankungen und eine Verbreitung des Angebots bei anderen Vereinen erreichen. „Dass moderate Bewegung selbst während der Chemotherapie möglich und auch hilfreich ist, halten viele nicht für möglich“, erklärt Timmers-Trebing und ergänzt: „Bei Herzpatienten hat sich die Haltung gegenüber Sport als Therapie ja glücklicherweise auch geändert.“ Die Ergebnisse der Studie sollen im nächsten Jahr veröffentlicht werden, wenn der nun anstehende zweite Trainings-Durchlauf mit zehn weiteren Patienten beendet ist.

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