Eine neue Unternehmer-Generation in Essen denkt grün

Designer Frederik Grill gestaltet für die dänische Firma Retap wiederbefüllbare Glasflaschen. Aktuell hat er eine Serie für die Berliner Alternative-Band Beatsteaks designt.
Designer Frederik Grill gestaltet für die dänische Firma Retap wiederbefüllbare Glasflaschen. Aktuell hat er eine Serie für die Berliner Alternative-Band Beatsteaks designt.
Foto: Essen
Wiederbefüllbare Design-Flaschen, fair hergestellte Mode und Hilfe bei der Selbstversorgung vom Acker: Ökologie und Wirtschaft schließen sich längst nicht mehr aus, wie diese drei Essener Start-Ups beweisen.

Essen-Holsterhausen. Im Uni-Viertel öffnete am Freitag der erste rein vegane Supermarkt der Stadt. Auch darüber hinaus spielen die Themen Ökologie und Nachhaltigkeit im Essener Mittelstand eine immer größere Rolle. Wir stellen exemplarisch drei Start-Up-Unternehmen aus dem Essener Süden vor, deren Zukunft in erster Linie eines ist: grün.

Designer Frederik Grill aus Holsterhausen etwa trägt seinen Teil dazu bei, das Plastikmüll-Aufkommen zu verringern. Für die dänische Firma Retap mit Sitz in Kopenhagen vertreibt er die wiederbefüllbaren und mit mehreren Design-Awards ausgezeichneten Glasflaschen in Deutschland.

Idee von der Weltklimakonferenz

Grill gestaltet sie individuell für Unternehmen und Institutionen, darunter Größen wie Google, Eon und VW, die sich die Flaschen gern auf ihre Konferenztische stellen oder sie an Mitarbeiter verschenken, die sich das Wasser dann selbst abfüllen können. „Die Idee zu den Flaschen ist im Rahmen der Weltklimakonferenz 2009 in Kopenhagen entstanden, wo es Vorträge zu den Tonnen an Plastikmüll gab, die in den Weltmeeren landen“, erklärt Grill. Auf einer Werbemittelmesse lernt er die Dänen kennen, ist sofort Feuer und Flamme für die Idee: „Durch die Geburt unserer Tochter habe ich mich immer mehr mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt. Es muss einfach nicht sein, dass man sich Wasser in Plastikflaschen kauft, wo wir doch in einem Land leben, in dem Leitungswasser das am besten überwachte Lebensmittel ist“, sagt Grill. Hinzu kämen die irrsinnigen Kosten für Recycling.

[kein Linktext vorhanden] „Natürlich“, ergänzt Grill, „beschränkt sich der Markt auf jene Länder, in denen man das Wasser aus dem Hahn problemlos trinken kann. Gerade dort sollte man sich seiner Verantwortung aber auch bewusst sein.“ Aktuell hat er eine Flasche für die Berliner Alternative-Band Beatsteaks designt. „Es ist spannend, dass nun selbst im Bereich Merchandise-Artikel langsam umgedacht wird, da gehören die Beatsteaks sicherlich zu den Vorreitern“, sagt Grill. Die Beatsteaks-Flaschen können Fans bei der im September startenden „Club Magnet“-Tour erwerben, darüber hinaus gibt es die Flaschen in neutraler Form auch im ausgewählten Einzelhandel.

Reines Gewissen im Kleiderschrank

Grüne Mode: Das hatte noch bis vor ein paar Jahren diesen Birkenstock-Öko-Anstrich gepaart mit Patschuli-Duft. Nicht erst seit sich die legendären Latschen verjüngt und es sogar auf den Laufsteg geschafft haben, ist die faire Klamotte längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Das hat auch Meike Pfeiffer bemerkt, die seit 2012 an der Rüttenscheider Straße die Damen- und Herren-Boutique Cob betreibt. Rund 90 Prozent der Kleidung und Produkte, die sie anbietet, stammen von sogenannten Green Labels. Das sind Marken, die beispielsweise von der Organisation „Global Organic Textile Standard“ zertifiziert wurden und sich damit zu sozialen und ökologischen Richtlinien verpflichtet haben. „Die Kunden fragen nach, wo die Materialien her sind und ob die Kleidung unter fairen Bedingungen entstanden ist“, sagt die 42-Jährige. Schlagzeilen über den Einsturz einer Bekleidungsfabrik in Bangladesh, die u.a. für Primark produzierte, und Berichte über die Arbeitsbedingungen der Näherinnen in Südostasien haben vielen Menschen die Shopping-Lust verleidet. Dabei seien es nicht nur Billigheimer, die zu schlechten Löhnen nähen lassen. „Mich ärgert besonders, dass auch viele große Marken, die ihre Mode für viel Geld verkaufen, unter unfairen Bedingungen produzieren. Viele Menschen denken, dass teuer auch gleich fair bedeutet. Das ist aber nicht so“, sagt Meike Pfeiffer. Dabei will die Essenerin mehr, als bloß Mode mit reinem Gewissen anbieten, war kürzlich auf einer Messe für faire Wohntrends in Hamburg. „Als ich zurückkam“, sagt Pfeiffer, „war ich aber doch enttäuscht. Hundertprozentig faire Produkte sind in diesem Bereich wirklich schwer zu finden, ein Beispiel sind die Kupferdrähte in Lampenschirmen. Das Gleiche gilt für Schmuck. Bei Edelmetallen ist die Herkunft häufig ungewiss, das ist frustrierend“, sagt die Mode-Expertin, die die Branche aber insgesamt auf einem guten Weg sieht. „Immer mehr Textiler reagieren auf das gestiegene Interesse der Kunden, werden transparenter. Irgendwann wird es selbstverständlich sein, fair zu produzieren. Hoffentlich“, sagt sie.

Selbstversorgung als Erfolgskonzept

Die Idee von Birger Brock und Tobias Paulert ist nicht revolutionär – Selbstversorgung aus dem eigenen Garten war im Ruhrgebiet schließlich einmal weit verbreitet. Mit ihrem Ende 2012 in Rüttenscheid gegründeten Unternehmen Ackerhelden haben sie der Selbsternte allerdings einen frischen Anstrich gegeben. Bundesweit mieten sie bei Landwirten Parzellen an, bepflanzen diese nach Richtlinien der ökologischen Anbauverbände vor und „vermieten“ sie anschließend an ihre Kunden – vom 18-jährigen Abiturienten bis hin zur 78-jährigen Seniorin.

An dreizehn Standorten von Berlin bis Freiburg betreuen sie mittlerweile rund 2500 Ackerhelden, versorgen sie mit Pflanz- und Einmach-Tipps und verschicken neues Saatgut. „Uns hat überrascht, dass nicht nur junge Familien sondern auch viele Jugendliche zu unseren Kunden zählen. Da gab es in Braunschweig ein nettes Erlebnis. Eine Truppe Partyleute ist nach einer offenbar durchtanzten Nacht direkt auf ihren Acker, um sich um das Gemüse zu kümmern“, erzählt Birger Brock. Ab 2015 will das Duo auch im Raum Ruhrhalbinsel und Werden Flächen anbieten. Die kleinste Parzelle (40 Quadratmeter) kostet 248 Euro pro Saison. Dafür kann von Mai bis November saisonal geerntet werden – etwa Kartoffeln, Pastinaken, Möhren und Zucchini.

Viele greifen zur Gießkanne

„Viele haben das Gärtnern als Entspannung für sich entdeckt. Eine Geschäftsfrau aus Wolfsburg etwa fährt regelmäßig in der Mittagspause zu ihrem Feld und bringt sich den Salat direkt mit“, erzählt Tobias Paulert. In erster Linie aber wollten die Menschen wieder wissen, was sie essen. Immer neue Lebensmittelskandale seien für viele der Hauptgrund, wieder selbst zu Gießkanne und Harke zu greifen.

Rund 20 bis 30 Parzellen will das Unternehmer-Duo 2015 anbieten und plant in Essen noch Großes. „Wir wollen die Selbsternte ganz gezielt mitten in die Stadt holen“, verrät Birger Brock. Aktuell führen die beiden Gespräche mit der Stadt.

 
 

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