Die neue Rüttenscheider Straße in Essen ist zur jungen Wilden gereift

1. Juni 1986: Der letzte Tag, an dem die Straßenbahn fuhr. Leser Heinrich Moormann hielt den Eindruck von der Haltestelle an der Martinstraße fest.
1. Juni 1986: Der letzte Tag, an dem die Straßenbahn fuhr. Leser Heinrich Moormann hielt den Eindruck von der Haltestelle an der Martinstraße fest.
Foto: Moormann
Vor 25 Jahren setzte die frisch gegründete Interessengemeinschaft Rüttenscheid mit dem ersten Straßenfest ein Zeichen für den Neuanfang. Zwölf Jahre hatte die Fertigstellung des U-Bahn-Tunnels zwischen Glückaufhaus und Martinstraße zuvor gedauert - und Rüttenscheid in eine Dauerbaustelle verwandelt.

Essen-Rüttenscheid.. „Es war eine turbulente Zeit. Im Nachhinein aber ist die Rüttenscheider Straße aus der Entscheidung gewachsen, die Bahn in den Untergrund zu verlegen“, sagt Herbert Bauckhage, viele Jahre Mitglied im Bürger- und Verkehrsverein und damaliger Bezirksvorsteher.

In diesem Jahr werden die „neue Rü“ und das Straßenfest zu ihren Ehren 25 Jahre alt. Dabei war es ein weiter Weg, bis die Rüttenscheider am 3. September 1988 mit einem Fest unter dem Motto „Wir auf der Rü“ die Hauptverkehrsader neu in Beschlag nehmen konnten: Gut zwölf Jahre dauerte die Fertigstellung des U-Bahn-Tunnels zwischen Glückaufhaus und Martinstraße. „Rüttenscheider morgen wieder dicht“ war in dieser Zeitung damals häufiger zu lesen, Staub und Baustellenlärm eher Regel als Ausnahme. „Generell hatte das Vorhaben damals aber viel Rückenwind aus der Bevölkerung“, erinnert sich Bauckhage an die Stimmungslage.

Initiative für Straßenbahn-Erhalt

Die Geschäftsleute aber – jahrelang geplagt von den Auswirkungen der Baustelle – sahen sich damals in der Pflicht zu handeln. „Wenn die Bahn nicht mehr am Schaufenster vorbei fährt, müssen wir die Kunden anders hierher locken“, erinnert sich Susanne Kötter vom gleichnamigen Café noch an einen der Sprüche ihrer Mutter, die bei der Gründung der Interessengemeinschaft Rüttenscheid 1988 dabei war. Das erste Rü-Fest sollte damals ein Zeichen für den Neuanfang setzen. Wie wegweisend es sein sollte, wird sich am 8. Juni wieder zeigen, wenn tausende Besucher zwei Kilometer Rü in ein Volksfest verwandeln.

Dabei wehte dem massiven Straßenumbau auch von Bürger-Seite Protest entgegen. Bürgermeister Rolf Fliß war einer der Mitbegründer der „Aktionsgemeinschaft Rüttenscheider Straße“, die sich für den Erhalt der Straßenbahnlinien 104 nach Rellinghausen und 115 zum Stadtwaldplatz einsetzte: „Wir haben uns für umstiegsfreie Direktverbindungen stark gemacht. Allein dafür sammelten wir in den Straßenbahnen 2500 Unterschriften“, erinnert sich Fliß. Die Pläne sahen auch einen durchgängigen Radweg bis zum Hauptbahnhof sowie die Einteilung der Rü in drei Einbahnstraßen-Abschnitte vor. Auf einer Bürgerversammlung am 20. Mai 1985 stimmte eine Mehrheit dann jedoch für die heutige Verkehrsführung.

„Die Rüttenscheider Straße war noch nie so lebendig und vielfältig wie heute“

Welches Mammutprojekt der Umbau bedeutete, ist in der von Bernd Burckhard Krieger verfassten Straßenchronik im Rüttenscheider Jahrbuch von 1988 nachzulesen: „Mit einem Kostenaufwand von 2,3 Millionen Mark wurden innerhalb von 80 Tagen 2400 Quadratmeter Straßenfläche, 1200 Quadratmeter Parkstreifen und 3400 Quadratmeter Gehwegflächen in dem ersten Bauabschnitt zwischen Rüttenscheider Stern und Martinstraße neu gestaltet.“

Auch wenn die Rufe nach einer neuen Straßenführung ein Vierteljahrhundert später noch nicht verstummt sind, ist Herbert Bauckhage von dem Erfolg des damaligen Konzepts überzeugt: „Die Rüttenscheider Straße war noch nie so lebendig und vielfältig wie heute.“

 
 

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