Bürger im Essener Süden sollen Schwalben zählen

Schauen nach den Schwalben: (v.l.) Ulrich Hoffmann, Peter Galdiga und Rainer Soest.
Schauen nach den Schwalben: (v.l.) Ulrich Hoffmann, Peter Galdiga und Rainer Soest.
Foto: WAZ
Der Naturschutzbund Ruhr hofft auf Hilfe, um einen Überblick über den Bestand zu erhalten. Nur so könne man die Gebäudebrüter schützen.

Essener Süden..  Schwalben und Mauersegler kann man auch mitten in der Großstadt antreffen. Allerdings haben die Bestände in den letzten Jahren deutlich abgenommen, weil sich die Lebensbedingungen für die sogenannten Gebäudebrüter, die ihre Nester unter Dächern bauen, verschlechtert haben. Eine achtköpfige Arbeitsgruppe im Naturschutzbund Ruhr (Nabu) beobachtet, zählt und kartiert seit drei Jahren die Bestände in Essen und ruft jetzt die Bevölkerung im Essener Südwesten auf, sich zu melden, falls Schwalben oder Mauersegler am Haus nisten.

„Wir wollen die Vögel fördern. Das geht nur, wenn wir wissen, wo sie nisten und wie viele es noch gibt“, sagt Rainer Soest vom Nabu. Dann könne man nachhalten, wie sich der Bestand verändere und gegebenenfalls entgegenarbeiten, zum Beispiel durch künstliche Nisthilfen. Es sei es aber auch wichtig, der Bevölkerung die Vögel näherzubringen. „Das sind faszinierende Tiere. Es lohnt sich, sie zu beobachten.“

An einem Mehrfamilienhaus in Haarzopf erklärt er, dass es eigentlich nicht möglich ist, die tierischen Mitbewohner zu übersehen. Er zeigt auf zwei Nester unter dem Dach, die in regelmäßigen Abständen von den Eltern angeflogen werden. Mit etwas Glück kann man auch die kleinen schwarz-weißen Köpfchen der Jungtiere sehen, die auf Futter warten. Unterhalb der Nester gibt es größere Kotansammlungen auf den Fensterbänken und vor der Garageneinfahrt. „Solche Verschmutzungen kann man durch Kotbretter, die 40 Zentimeter unter dem Nest angebracht werden, vermeiden“, sagt Ulrich Hoffmann aus der Nabu-Gruppe.

Da er und seine Kollegen nicht systematisch alle Straßen ablaufen können, hoffen sie jetzt auf die Mithilfe der Bevölkerung. „Wer Schwalben oder Mauersegler am Haus hat, sollte sich bei uns melden“, sagt Rainer Soest. Im Bereich Werden, Kettwig, Kupferdreh und Überruhr sei man mit der Kartierung schon weit fortgeschritten. Jetzt soll die Dokumentation im Essener Südwesten in Angriff genommen werden. Aktuell sei die beste Zeit dafür: Derzeit ziehen die Vögel, die Mitte September zum Überwintern Richtung Afrika aufbrechen, ihren Nachwuchs auf, fliegen also immer wieder mit Nahrung das Nest an. Diese Aktivität und auch die Kotansammlungen seien nicht zu übersehen.

Schwalben seien ortstreu, kämen jedes Jahr wieder, besserten ihr altes Nest aus oder bauten daneben ein neues. Da sie unter Naturschutz stehen, dürfe man die Nester nicht entfernen. „Wenn Nester durch Arbeiten an der Fassade wegfallen, ist der Hauseigentümer verpflichtet, diese durch künstliche Nisthilfen zu ersetzen“, erläutert der Nabu-Experte. Dass der Bestand an Schwalben und Mauerseglern abnehme, habe mehrere Gründe. Durch den großflächigen Einsatz von Chemie in der Landwirtschaft sei der Insektenbestand um die Hälfte zurückgegangen und Vögel fänden nicht mehr genügend Nahrung. Auch in Privatgärten sei Wildwuchs oft nicht erwünscht und Pflanzen, die Insekten anlockten, würden entfernt. Im Sinne der Schwalben sei „ein fauler Gärtner ein guter Gärtner“, so Soest.

Rund 100 Schwalbennester haben die Naturschützer in Essen schon kartiert. Durch die Hilfe der Bürger könnten noch viele weitere hinzukommen. „Wenn möglich, sollten die Bürger uns melden, ob es sich um Rauch- oder Mehlschwalben oder Mauersegler handelt. Wenn sich die Leute nicht sicher sind, kommen wir auch gern zeitnah vorbei“, sagt Soest.

Mauersegler nisten meist in Schlitzen in den Hauswänden, die es aber immer seltener gebe. „Der Trend geht dahin, Häuser so dicht wie möglich zu machen“, sagt Rainer Soest vom Naturschutzbund Ruhr. Die energetische Sanierung von Häusern werde nicht nur für diese Gebäudebrüter zum Problem, sondern auch für die Schwalben, weil der Dachüberstand durch die Dämmschicht geringer werde und oft kein Platz mehr für Nester sei. Glatte Fassadenfarbe verhindere, dass das Nistmaterial haften bleibe, was den Nestbau erschwere. „Wenn Fassadenarbeiten ausgeführt werden sollen und dabei brütende Schwalben entdeckt werden, werden die Arbeiten sofort gestoppt“, erklärt Soest. Das lege die untere Landschaftsbehörde so fest, um den Artenschutz zu gewährleisten.

Rauchschwalben findet man meist in oder an landwirtschaftlichen Gebäuden, wo Vieh gehalten wird. Oft nisten sie in Reitställen. Die Einfluglöcher sind fünf bis sieben Zentimeter groß. Mehlschwalben dagegen findet man häufig auch mitten in der Großstadt unter Dachüberständen an Häusern mit rauen Fassaden. Ihre Nahrung fangen sie über Grünflächen oder Gewässern. Mauersegler leben vorwiegend in der Luft und brüten in dunklen, horizontalen Hohlräumen an mehrgeschossigen Gebäuden.


Die Arbeitsgruppe hofft nicht nur auf Rückmeldungen in Sachen Schwalbenbestand, sondern auch auf aktive Mitarbeiter.

Kontakt: 0157 32 63 18 34 (täglich), 710 06 99 (dienstags und donnerstags, 10 bis 14 Uhr), oder per E-Mail: geschaeftsstelle@nabu-ruhr.de

 
 

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