Beim Essener Chaos Computer Club hat selbst das Sofa WLAN

„Wir hegen und pflegen das Klischee des Nerds“: In der „Foobar“ in der Sibyllastraße trifft sich der Chaospott Essen regelmäßig zum Tüfteln.
„Wir hegen und pflegen das Klischee des Nerds“: In der „Foobar“ in der Sibyllastraße trifft sich der Chaospott Essen regelmäßig zum Tüfteln.
Foto: Sebastian Konopka
In einem Hinterhof an der Sibyllastraße hat sich die Essener Gruppe des Chaos Computer Clubs, der „Chaospott“, eingerichtet. Ihr Auftrag: tüfteln, fachsimpeln und aufklären. Und das Klischee des Nerds? „Das hegen und pflegen wir“, sagen die Technik-Freaks.

Essen-Rüttenscheid.. Neonlicht schimmert aus dem Kellerfenstern im Hinterhof an der Sibyllastraße. Was sich dahinter verbirgt, ist ein El Dorado für Technik-Jünger und Tüftler. Die Atmosphäre in der „Foobar“ liegt irgendwo zwischen Jugend forscht, Software-Entwicklungsbüro und Wohnzimmer. Vor mehr als einem Jahr hat sich der „Chaospott“, die Essener Gruppe des bundesweit agierenden Chaos Computer Clubs, im Südviertel ein Zuhause geschaffen.

Denn trotz all digitaler Vernetzung: „Der Hacker an sich ist ein sehr soziales Wesen“, sagt der Rüttenscheider Informatiker Janik Seitzer (25) und in der Sofalandschaft um ihn herum nicken seine Brüder – und zwei Schwestern – im Geiste, alle einen Laptop oder mindestens ein Tablet auf dem Schoß und ein Smartphone in der Hand.

"Menschen sind in der Debatte emotionslos"

Dem „Chaospott“ geht es um weit mehr als das gemeinsame Fachsimpeln und bewussten „Ausleben des Nerd-Seins“, also dem Klischee des Computer-Freaks: „Wir haben einen gesellschaftlichen Auftrag“, sagt Matthias Lindhorst (30). „Chaos macht Schule“, ist eines der Projekte, an denen sich die Essener beteiligen. Zuletzt vermittelten sie Eltern, Lehrern und Schülern an der Anne-Frank-Gesamtschule in Viersen ein Stück Medienkompetenz. „Denk nach, bevor du klickst“, sagt Lindhorst, „das versuchen wir den Schülern klar zu machen. Gleichzeitig wollen wir Lehrern und Eltern die Berührungsangst nehmen.“

Vor allem in Zeiten von Spionage-Skandalen haben die Technik-Verrückten alle Hände voll zu tun, für mehr Sensibilität im Umgang mit persönlichen Daten zu werben. „Viele Menschen sind in der Debatte so emotionslos, weil digitale Daten nicht haptisch sind. Würden bei jedem Bundesbürger die Briefe geöffnet ankommen, sähe das anders aus“, vermutet Lindhorst. Dabei agiert der Chaospott unparteiisch – es geht schlicht um mehr Durchblick.

Grundgesetz digitalisiert

So katapultieren sich die Essener im Frühjahr in die Fachpresse. Grund: Sie hatten das gesamte Grundgesetz seit 1949 digitalisiert. Sämtliche je vorgenommenen Änderungen an den Paragrafen lassen sich nun am Computer verfolgen und in einen geschichtlichen Kontext stellen. „Wir wollten die Entwicklung der deutschen Verfassung transparenter machen“, erklärt Ideengeber Robert Krautkrämer.

Aktuell arbeitet die Gruppe, deren fester Kern gut 30 Mitglieder umfasst, am Projekt „Freifunk“ – freies W-Lan für alle. Erster Pilotstandort soll Rüttenscheid werden, demnächst werden erste Gespräche mit Wirten geführt.

Dass sie den Stereotyp des Nerds verkörpern, stört die Truppe dabei nicht. „Wir hegen und pflegen das Klischee“, sagt Lindhorst und lacht. So verwundert die nicht ganz ernst gemeinte Idee des „Dröners“ denn auch kaum – eine Satelliten gesteuerte Drohne, die den Döner vom Imbiss nebenan direkt in den Keller bringt. Noch ist das Zukunftsmusik. Aber an kaum einem Platz der Stadt liegt eben diese Zukunft näher als in diesem Keller.

 

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