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Essen

Pfleger (25) der Uniklinik Essen berichtet von dramatischen Zuständen

Steven Böhmer (25) ist Pfleger an der Dialysestation der Uniklinik Essen.
Foto: Daniel Sobolewski / DER WESTEN
  • Seit zehn Wochen wird die Uniklinik Essen bestreikt
  • Aber worum geht es?
  • Pfleger Steven Böhmer (25) beschreibt seinen Arbeitsalltag und die Beweggründe, zu streiken
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Essen. Die Uniklinik Essen wird bestreikt – nun schon in der zehnten Woche. Die Gespräche zwischen Klinikum, Tarifgemeinschaft der Länder und den in der Gewerkschaft Verdi organisierten Streikenden scheinen völlig festgefahren – der erhoffte „Tarifvertrag Entlastung“ ist nicht in Sicht.

Die Pfleger, Handwerker, Serviceassistenten und vielen anderen Streikenden beklagen desaströse Zustände durch den Personalmangel an ihrem Krankenhaus.

Streik an Uniklinik Essen: Pfleger berichtet von desaströsen Bedingungen

Einer von ihnen ist Steven Böhmer (25). Er ist Pfleger an der Uniklinik Essen und sprach mit DER WESTEN über seinen Arbeitsalltag und seine Beweggründe, nun zu streiken.

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Seit vier Jahren arbeitet Steven Böhmer als Pfleger an der Uniklinik Essen. Vier Jahre, in denen er jeden Arbeitstag an seine körperlichen Grenzen stößt. Denn Steven erledigt nach eigenen quasi den Job für drei – nicht vorhandene – Kollegen mit.

Insbesondere im Pflegebereich ist die Uniklinik Essen massiv unterbesetzt, beklagen die Streikenden. Eine Situation, durch die es nur Verlierer gibt. Steven erklärt: Das Personal ist heillos überfordert, können die Patienten aber trotzdem nicht ausreichend versorgen.

Steven Böhmer: „Manchmal muss ich Menschen in ihren Exkrementen liegen lassen“

„Ich habe so viel mit der Vergabe von Medikamenten und der Dokumentation zu tun, dass die Patienten viel zu kurz kommen. Nicht selten muss ich Menschen längere Zeit in ihren eigenen Exkrementen liegen lassen, weil ich es einfach nicht schaffe, sie zu waschen. Die mangelnde Entlastung erhöht die Sterberate und die Zahl der Infektionen. Denn manchmal haben wir nicht einmal die Zeit, unsere Hände vernünftig zu desinfizieren.“

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Zehn Patienten betreute Steven an einem Arbeitstag auf einer normalen Station. Nach einer Übergabe machte er die Medikamente für sie fertig, musste den Zustand und das Krankheitsbild jedes Menschen beachten. Beim Verteilen der Medikamente mass er die Vitalzeichen – wenn dafür überhaupt Zeit war.

„Ich hatte den Patienten noch nicht gewaschen, da kamen schon die Anweisungen der Ärzte: Weitere Medikamente, zeitaufwendige Kurvenpflege und Dokumentation. Wenn ich Pech hatte und nur Patienten betreute, die sich kaum selbst versorgen können, blieben viele von ihnen auf der Strecke.“

Nach zwei Jahren hielt er es auf der Station am Westdeutschen Tumorzentrum nicht mehr aus. „Dort waren die Zustände durch die mangelnde Entlastung unerträglich“, erinnert er sich. Seither ist er Pfleger auf der Dialysestation. „Dort ist es auch schlimm, aber nicht ganz so prekär.“

Pfleger wirft Uniklinik vor: Wir werden emotional erpresst

Blitzschnell häufen sich auch dort Überstunden an, auch weil Steven immer wieder für andere einspringen muss. „Ein Arbeitgeber sollte für einen Ausfall vorsorgen. Stattdessen werden wir emotional erpresst. Denn wir wissen: Wenn wir nicht einspringen, sind Patienten völlig unterversorgt und könnten zu Schaden kommen.“

Solche dramatischen Situationen hat Steven bereits erlebt. „Als ich noch Pfleger im Tumorzentrum war, musste ich einem Krebspatienten erklären, dass seine Schmerzen gerade nicht so wichtig sind, wie die Luftnot eines anderen. Da lagen dann drei Menschen mit starken Schmerzen und niemand konnte sich kümmern, weil es anderen noch schlechter ging.“

Den Streik sieht Steven nun als letztes Mittel, auf die Missstände aufmerksam zu machen und seinen Arbeitgeber zum Handeln zu bewegen.

Steven Böhmer fordert Entlastungsmanagement und ein neues Finanzierungssystem

Oberste Priorität hat für ihn dabei ein vernünftiges Entlastungsmanagement. „Es muss verbindlich gesagt werden: Wo zu wenig Pflege ist, müssen auch weniger Patienten sein. Bis genügend Personal da ist, müssen Betten geschlossen werden.“

Aber auch das Finanzierungssystem ist in seinen Augen falsch. „Die Pflege wird überhaupt nicht finanziert. Die Uniklinik bekommt je nach Krankheit einen Pauschalbetrag für Untersuchungen, Medikamente und Operation – aber keinen Cent, wenn ich einen Patienten wasche.“

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Um eine bessere Entlohnung geht es Steven Böhmer beim Streik nicht. „Mehr Geld hilft mir nicht. Ich brauche einen Kollegen neben mir, der mir bei der Arbeit hilft. Um nichts anderes geht es mir – und den anderen Streikenden auch.“

Den Tag nutzen er und die anderen Gewerkschafter nun, um Workshops zu besuchen, mit anderen Streikenden zu kommunizieren, sich zu bilden oder einfach Streikplakate zu malen. „Ich hoffe, dass es bald eine Einigung gibt. Aber in dieser festgefahrenen Situation befürchte ich, dass wir uns noch ein paar Wochen hier treffen.“

Das sagt die Uniklinik Essen zu den Vorwürfen

Die Uniklinik Essen bezog auf Anfrage von DER WESTEN Stellung zu Stevens Vorwürfen. „Die Arbeitsbelastung, die in allen Pflegeberufen herrscht, ist anerkannt. Um unsere Pflegekräfte zu entlasten, haben wir deshalb seit 2016 allein 150 neue Stellen in der Pflege geschaffen. Auch in 2018 sind weiterhin Einstellungen geplant“, erklärt Kliniksprecher Thorsten Schabelon.

Digitalisierung wie die elektronischen Patientenakte soll Pfleger auch bei der Dokumentation entlasten, damit diese sich wieder mehr direkt am Bett um die Patienten kümmern können.

Schabelon: „Es können nicht alle Menschen immer gleichzeitig versorgt werden“

Seit einigen Jahren wurde laut Schabelon zudem ein spezieller Springerpool etabliert, mit dem schnell auf krankheitsbedingte Ausfälle reagiert werden kann. „Daneben werden bei Bedarf auch Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen angesprochen, die auf der Station arbeiten, weil diese die Abläufe entsprechend gut kennen. Jeder Angesprochene kann dann freiwillig entscheiden, ob er bezahlte Überstunden machen will. “

Dramatische Situationen, in denen Steven Böhmer Patienten mit Schmerzen vertrösten musste, kommen laut Schabelon in jedem Krankenhaus vor. „Ein Notarzt steht bei seinen Einsätzen jeden Tag vor der Entscheidung, welchen schwerkranken Menschen er beispielweise an einem Unfallort zuerst versorgt. Jede Patientin, jeder Patient ist wichtig. Im Klinik-Alltag können aber nicht alle Menschen immer gleichzeitig versorgt werden. Da einem Patienten mit akuter Luftnot die Erstickung droht, muss dessen Leben erst gerettet werden. Auch wenn es dann gegebenenfalls einmal ein wenig dauert, erhalten alle Patienten die erforderliche und bedarfsgerechte Schmerzmedikation.“

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Fr, 10.08.2018, 10.49 Uhr