Sterntaler in Essen

Foto: Knut Vahlensieck
Foto: Knut Vahlensieck
Foto: WR Dortmund/Knut Vahlensieck

Essen.. Anmerkungen zum Stadtgeschehen – ein Kommentar von Wolfgang Kintscher, Leiter der NRZ-Redaktion Essen.

Manchmal lesen Sie in der NRZ von der segensreichen Wirkung einer 10.000 Euro-Spende, was ja fürwahr kein kleines Sümmchen ist. Und Sie lesen von wünschenswerten Initiativen, die aufgeben müssen, weil ihnen zum Weitermachen gerade mal die Hälfte dieses Betrages fehlt.

Man sollte solche Größenordnungen noch einmal in Erinnerung rufen, um zu würdigen, was da am Dienstag dieser Woche als eher dürre Nachricht aus Düsseldorf im Rathaus einging und im Zuge mancher Kinkerlitzchen-Debatte fast unterzugehen droht: Essen wird aus dem Topf der zweiten Stufe beim so genannten „Stärkungspakt“ ab 2014 jährlich 108 Millionen Euro überwiesen bekommen. Zusammen mit den kleineren Beträgen, die schon in diesem und im kommenden Jahr ausgezahlt werden, steht der Kämmerer da also wie im Sterntaler-Märchen im letzten (Nacht-)Hemd und sammelt in den kommenden fünf Jahren über den Daumen gepeilt 500 Millionen Euro für diese Stadt ein.

Zusammen mit einem (bis auf weiteres) historisch niedrigen Zinsniveau besteht damit genau jene einmalige Chance, die man noch vor einigen Jahren ins Reich der Fabel verwiesen hat: dass diese Stadt von ihrem gigantischen Schuldenberg nicht in eine Katastrophe griechischen Ausmaßes stürzt, sondern Schritt für Schritt heruntersteigt und künftigen Generationen wenn schon nicht einen dicken Vermögensbatzen, so doch eine Schuldenlast hinterlässt, die bei vernünftiger Politik beherrschbar erscheint.

Diese Nachricht kann man gar nicht hoch genug einschätzen, und wer jetzt über die rot-grüne Landesregierung lästert, die in der zweiten Stufe des Stärkungspaktes ja eigentlich nur auf kommunale Gelder zurückgreift, sollte sich erinnern: Diese Chance hatten andere Regierungen auch, und sie haben sie nicht genutzt.

Schon klar: Noch liegt der lange Weg der Entschuldung erst vor uns. Und das Ziel klar vor Augen zu haben, bedeutet noch lange nicht, dass der eine oder andere nicht vom Pfad der politischen Tugend abweicht und dem aus nachvollziehbaren Gründen viel beliebteren Geldausgabe-Spielchen erliegt. Hier wünscht man sich eine große Koalition der Vernünftigen, die sicher nicht mit dem eisernen Besen kehren und gnadenloses Sparen um des Sparens willen exekutieren muss.

Sie sollte aber im Auge haben, dass künftige Generationen ihre Genügsamkeit werden zu schätzen wissen. Und wer weiß, wenn sich schon der Ruhm nicht zu Lebzeiten mehren ließ, weil ja das Geld fehlte, vielleicht benennt man ja eine Straße nach denen, die Essen die Zukunft gerettet haben. Klingt nach Märchen-Kitsch, ich weiß.

Aber so ist das, wenn ein Alptraum doch noch gut ausgeht.

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