Stadtteilmütter sind Helferinnen auf Augenhöhe

Claudia Pospieszny
Malak Chahbour arbeitet als Stadtteilmütter. Foto: Joachim Kleine-Büning
Malak Chahbour arbeitet als Stadtteilmütter. Foto: Joachim Kleine-Büning
Foto: WAZ Fotopool

Essen. Eigentlich hätte Malak Chahbour gern einen Job, „aber ohne Ausbildung ist das schwierig“, sagt die 26-Jährige. Stadtteilmutter wird sie nun, wie 24 weitere Frauen, die einen Migrationshintergrund haben und zwei Sprachen fließend sprechen.

Als Malak Chahbour ein Jahr alt war, flohen ihre Eltern aus dem Libanon nach Deutschland. Die junge Frau wuchs in Essen auf, machte den Hauptschulabschluss, ging weiter zur Schule. „Dann habe ich geheiratet und bevor ich den Realschulabschluss machen konnte, bekam ich das erste Kind.“ Ein zweites folgte. Dazwischen immer wieder Maßnahmen zur Qualifizierung, zur Eingliederung, Praktika, die kein Geld brachten, aber den Erfahrungsschatz erweiterten.

Heute hätte Malak Chahbour gern einen Job, „aber ohne Ausbildung ist das schwierig.“ Nun also wird die junge Mutter Stadtteilmutter. Und mit ihr 24 weitere Frauen, die einen Migrationshintergrund haben, die zwei Sprachen fließend sprechen, die so lange schon einen Job suchen, dass sie als langzeitarbeitslos gelten.

„Stadtteilmütter“, ein Be­griff, der nicht neu, der abgegriffen ist, nun aber in einem Modellprojekt, an dem drei NRW-Kommunen teilnehmen, mit neuen Inhalten gefüllt wird. „Aktiv für Arbeit und Integration“ ist die auf 18 Monate angelegte Maßnahme in Trägerschaft von Agentur für Arbeit, Jobcenter, Stadt und Diakonie überschrieben. Sechs Monate lang will man in dieser Maßnahme die jungen Frauen qualifizieren, sie zu Beratern und Kümmerern schulen, auf dass sie andere Familien mit Migrationshintergrund erreichen, ihnen Möglichkeiten aufzeigen, Jobs zu finden, ihnen Zugänge ebnen zu Jobcenter und Agentur für Arbeit, in Sprachkurse und Bildungseinrichtungen.

„Im Jahr 2030 wird jeder dritte Essener über 60 Jahre alt sein“

Ein Projekt, das sozial angelegt ist – und in die Zukunft blickt. „Im Jahr 2030 wird jeder dritte Essener über 60 Jahre alt sein“, sagt Arbeitsagentur-Chefin Katja Wilken-Klein mit Blick auf den demografischen Wandel. 20 000 Kräfte würden dem Arbeitsmarkt allein in Essen dieser Prognose zufolge fehlen. Dem gegenüber stehen derzeit rund 34 000 Arbeitslose. „Das könnte, rein mengenmäßig, funktionieren“, sagt Wilken-Klein. Nur lässt sich nicht jeder Arbeitssuchende auf die nächste freie Stelle setzen. Weswegen es gilt, dem Trend entgegen zu wirken. „Allein 7500 Arbeitssuchende mit Migrationshintergrund haben wir hier in Essen.“

Und genau dort sollen die Stadtteilmütter anpacken. Aus der Türkei und dem Libanon kommen die langzeitarbeitslosen Frauen, aus Marokko, dem Iran und dem Irak, aus dem Tschad und Polen. „Wenn diese Frauen in Familien gehen, die aus dem gleichen Kulturkreis kommen, werden sie einen viel besseren Zugang finden, als ich das je könnte“, sagt Wilken-Klein. Mit Dolmetschertätigkeiten fängt die Arbeit der Stadtteilmutter an und soll in pragmatischen Hilfen, die helfen, Migranten in den Arbeitsmarkt zu integrieren, münden.

Sechs Monate Qualifizierung, während der die Frauen weiterhin Hartz IV bekommen, zwölf Monate Einsatz als Stadtteilmutter, sozialversicherungspflichtig. Doch was kommt danach? „Jetzt haben die Frauen erst mal zwölf Monate Gelegenheit, zu arbeiten und sich weitere Fähigkeiten anzueignen, um im Anschluss an das Projekt einen festen Job zu finden“, sagt Sozialdezernent Peter Renzel.

Gleichwohl auch Jobcenter-Chef Thorsten Withake er-klärt, nach Projekt-Ende nicht so einfach auf die qualifizierten Stadtteilmütter und ihre Erfahrungen verzichten zu wollen. „Wir hoffen natürlich, dass die Frauen ehrenamtlich weiter tätig sein werden, auch wenn sie einen Job finden.“ Und Malak Chahbour? Hat mit dem Job als Stadtteilmutter genau das gefunden, was sie immer suchte. Auf Menschen zugehen, helfen und unterstützen. Natürlich hoffe sie auf eine Festanstellung nach dem Projekt: „Am liebsten als Stadtteilmutter!“