Stadt wirbt um Pflege-Eltern

Am Donnerstag, den 08.03.2012, fotografiert: Bereitschaftspflegemütter beschweren sich über die schlechte Bezahlung in Essen. Sie bekommen im Vergleich zu anderen Städten eine relativ geringe Aufwandsentschädigung.
Am Donnerstag, den 08.03.2012, fotografiert: Bereitschaftspflegemütter beschweren sich über die schlechte Bezahlung in Essen. Sie bekommen im Vergleich zu anderen Städten eine relativ geringe Aufwandsentschädigung.
Foto: WAZ FotoPool
Das Jugendamt Essen schlägt eine Erhöhung der Pflegesätze für Familien vor, die Kinder in Krisensituationen aufnehmen. Nachbarstädte zahlen längst den Bereitschaftspflege-Eltern längst mehr. Mit der Folge, dass schon Essener Pflegefamilien zu anderen Jugendämtern abwandern.

Essen.. Die Zahl der Kinder, die vom Jugendamt in Obhut genommen werden müssen, wächst. Gleichzeitig ist es für das Jugendamt schwer, geeignete Pflegefamilien zu gewinnen – oder bei der Stange zu halten. Nun will man das Pflegegeld erhöhen; eine entsprechende Vorlage steht am Dienstag im Jugendhilfeaussschuss auf der Tagesordnung.

653 Kinder in Pflegeheimen

Darin heißt es, dass im Moment 653 Kinder in Pflegefamilien leben, im Vorjahr waren es 623, im Jahr 2010 noch 596. Die meisten von ihnen haben in ihrer Dauer-Pflegefamilie längst ein neues Zuhause gefunden; doch gut 50 Kinder leben in Bereitschaftspflege-Familien. Diese nehmen Kinder in akuten Notlagen und für kurze Zeit auf, bis über ihre Zukunft entschieden wird. „Bei jedem Kind, das wir aus seiner Familie nehmen müssen, sind wir auf der Suche nach den passenden Pflege-Eltern – und wir sind immer am Limit“, sagt Andrea Macher vom Jugendamt.

Heimunterbringung soll möglichst vermieden werden

Dabei soll eine Heimunterbringung besonders bei Kindern bis sieben Jahren möglichst vermieden werden. Sie benötigen die Zuwendung einer Familie und holen dort Defizite oft schnell auf. Und: Ein Heimplatz kostet etwa 55.000 Euro im Jahr, für ein Pflegekind wird ein Viertel der Summe fällig.

Traumatisiert, aggressiv oder bedürftig

Die Bereitschaftspflege-Familie erhält davon je nach Alter des Kindes monatlich 476 bis 651 Euro für materielle Aufwendungen, dazu kommen 223 Euro „Kosten der Erziehung“. Viele der Familien, die jederzeit bereit stehen sollen und die die Jungen und Mädchen als traumatisiert, aggressiv oder sehr bedürftig erleben, halten das für zu wenig. Und sie stehen nicht allein: Andere Kommunen, auch Nachbarstädte wie Mülheim, zahlen Bereitschaftspflege-Eltern den dreifachen Erziehungsbeitrag. Denn anders als Dauerpflege-Familien, bei den sich oft Normalität einpendelt, erleben sich Bereitschafts-Eltern häufig als emotionale Feuerwehr.

Angespannte Haushaltslage

Daher will auch Essen nun nachbessern und künftig den dreifachen Erziehungsbeitrag zahlen. Trotz der angespannten Haushaltslage hofft Andrea Macher auf die Zustimmung der Politik. Eine für das Kind nicht wünschenswerte – und viel kostspieligere Heimunterbringung – lasse sich nur vermeiden, wenn man genügend Bereitschafts-Familien finde. „Vor 14 Tagen hat sich wieder eine Pflegemutter beim Jugendamt einer Nachbarstadt angemeldet - die ist für uns verloren.“

Ein Zuhause auf Zeit

Muss ein Kind aus einer Familie genommen werden, weil es misshandelt oder vernachlässigt wird, sollte es umgehend in eine Bereitschaftspflege-Familie kommen. Im Idealfall sollte es dort maximal drei Monate bleiben: Bis geklärt ist, ob es in seine Herkunftsfamilie zurückkehren kann, weil die Krise dort überwunden ist. Gilt das Wohl des Kindes als dauerhaft gefährdet, kann es in eine Dauerpflege-Familie vermittelt werden, die es aufzieht. Bereitschaftspflege-Eltern müssen bereit sein, spontan ein Kind aufzunehmen. Zudem bringen viele der Kinder Ängste, Aggressionen und Entwicklungsverzögerungen mit. Die Pflege-Familien sind für sie ein Ort zum Aufatmen: Oft erleben sie erstmals Nestwärme.

Im März berichteten wir über Bereitschaftspflege-Mütter, die ihre Aufgabe gern machten, sich aber nicht entsprechend honoriert fühlten. Da berichtete eine Mutter von einem Pflegekind, das seit anderthalb Jahren bei ihr lebte, obwohl sie drei leibliche Kinder und ein weiteres in Pflege hatte.

Suche nach guten Pflegeeltern

Eine andere erzählte, dass sie vom Jugendamt überredet worden war, noch ein Kind aufzunehmen: Das Baby einer Drogensüchtigen schrie anfangs acht Stunden durchgehend, weil es einen Entzug durchlebte. Da das Jugendamt händeringend nach guten Pflegeeltern sucht, versprach Sozialdezernent Peter Renzel damals, alle Anstrengungen zu unternehmen, um sie „in ihrer wichtigen Aufgabe zu stärken“.

 
 

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