Stadt Essen will weniger Autoverkehr, dafür mehr Fahrräder

Radeln am Wasser in Essen: Ausflügler schätzen den Rhein-Herne-Kanal.
Radeln am Wasser in Essen: Ausflügler schätzen den Rhein-Herne-Kanal.
Foto: WAZ FotoPool
Wenn die Stadt Essen den Titel „Grüne Hauptstadt“ gewinnen will, muss sie im Finale am Montag vor der Jury beim Thema „Verkehr“ punkten. Der Radfahrer-Anteil im innerstädtischen Verkehr soll von derzeit fünf auf mehr als zehn Prozent im Jahr 2020 gesteigert werden.

Essen. Eine Experten-Jury hat allen Final-Teilnehmern des Ringens um den Titel „Grüne Hauptstadt“ vorab ein Zeugnis ausgestellt. Essen belegte im Gesamtergebnis den zweiten Platz – und ist damit hinter der norwegischen Hauptstadt Oslo in die Endrunde eingezogen.

Eine der größten Stärken der Skandinavier ist in den Augen der Juroren zugleich Essens größte Schwäche: der Verkehr. Da die Jury in Kopenhagen bei ihrer Entscheidung aber nicht an das Vorab-Ranking gebunden ist, will Essen seine vermeintliche Schwäche jetzt als Stärke verkaufen. Die Stadt hat in diesem Bereich ehrgeizige Ziele: Deutlich mehr Menschen sollen zum Umstieg vom Auto auf Bus und Bahn oder das Fahrrad bewegt werden.

Den Fahrrad-Anteil verdoppeln

Der Radfahrer-Anteil im innerstädtischen Verkehr soll von derzeitig fünf auf künftig mehr als zehn Prozent im Jahr 2020 gesteigert werden. 2035 sollen dann schon ein Viertel aller täglich anfallenden Fahrten im Nahbereich mit dem Fahrrad zurückgelegt werden.

Dass der Jury solche Vorhaben gefallen dürften, belegt das Beispiel Kopenhagen: Als die dänische Hauptstadt 2010 den Titel „Grüne Hauptstadt“ erhielt, stellten die Entscheider lobend hervor, dass dort jeder zweite Einwohner mit dem Fahrrad unterwegs ist.

Essen, stark zerstört im Zweiten Weltkrieg und anschließend wieder aufgebaut, ist aber als Stadt für Autofahrer entworfen worden. Dass es einmal so etwas wie den Klimawandel geben würde, ahnte seinerzeit noch niemand. Fortbewegungsmitteln wie Fahrrad, Bus oder Bahn maßen die Stadtplaner lange Zeit eine eher untergeordnete Rolle zu.

StadtgrünMit der Ölkrise und der aufkeimenden Umweltschutzbewegung setzte ein verkehrspolitisches Umdenken ein, und als Essen dann 1991 vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club (ADFC) die Negativ-Auszeichnung „Rostige Speiche“ als fahrradunfreundlichste Stadt Deutschlands verliehen wurde, ging endgültig ein Ruck durch die Stadt.

Für Freizeit-Radler hat sich – auch dank Projekten wie „Neue Wege zum Wasser“ und der Umgestaltung alter Güterbahntrassen – in der Zwischenzeit eine ganze Menge getan, bei den alltagstauglichen Stadt-Routen besteht nach Ansicht vieler Radler aber weiterer Verbesserungsbedarf. Ein Lichtblick: Die Polizei meldet, dass die Zahl der Rad-Unfälle langfristig abnimmt. Während bis in die 1990er-Jahre stets mehr als 300 Fahrradfahrer verunglückten, liegt die Zahl mittlerweile in der Regel darunter.

200 Kilometer Radwege

Seit 1995 ist Essen Mitglied in der „Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundliche Städte, Kreise und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen“. Das Radwege-Netz zwischen Karnap und Kettwig erstreckt sich inzwischen auf mehr als 200 Kilometern Länge.

Trotzdem, das Fahrrad bleibt in vielen Garagen stehen und wird nur selten angerührt. Dies belegen städtische Zahlen. Für 54 Prozent aller Essener ist noch immer das Auto die erste Wahl bei der Fortbewegung. Zudem beklagen Fahrradfahrer – auch in Leserbriefen und Online-Hinweisen an unsere Redaktion – häufig, dass noch immer nicht genug getan wird, um die Zweirad-Fortbewegung im großen Stil voran zu treiben. 2012 lag Essen beim Fahrradklimatest des ADFC mit der Bewertung 3,97 im Mittelfeld. ADFC-Ortschef Jörg Brinkmann nannte das lokale Ergebnis damals eine „Stagnation auf niedrigem Niveau“.

Die Schuld dürfe man allerdings nicht allein im Essener Rathaus suchen, antwortete Dieter Küpper, Sprecher beim Runden Umwelttisch, nach Bekanntwerden der Ergebnisse der ADFC-Befragung und verwies auf höhere politische Ebenen: „Unerfreulich und nicht nachvollziehbar sind die Einsparungen im Bund und in NRW den Radwegebau und seine Instandhaltung betreffend, was wir in Essen zu spüren bekommen.“

Dass es aber auch (fast) ohne öffentliche Förderung geht, beweist das Unternehmen „Nextbike“, das an mehr als 50 Orten in der Stadt Mietfahrrad-Stationen aufgestellt hat: Nach einer 1,7-Millionen Euro schweren Anschubfinanzierung durch den Bund ist das Pilotprojekt mit dem Namen „Metropolrad Ruhr“ inzwischen in die schwarzen Zahlen gerollt. Zu dem Erfolg hat auch die Stadt Essen beigetragen: etwa durch Unterstützung beim Bau der Fundamente der Stationen und durch Verzicht auf Sondernutzungsgebühren für Flächen im öffentlichen Raum. „Wir geben die Unterstützung, die wir leisten können“, sagte Stadtsprecher Stefan Schulze.

Hoffen auf die Fahrrad-Autobahn

Derweil steht in Essen ein weiteres Vorzeige-Projekt in den Startlöchern, das wohl auch von den „Grüne Hauptstadt“-Juroren in Kopenhagen sehr aufmerksam beäugt werden dürfte: der Radschnellweg-Ruhr. Die „Fahrrad-Autobahn“ wäre für NRW eine Premiere und wohl auch bundesweit einmalig. Auf 85 steigungsarmen Kilometern soll der Radweg die Städte zwischen Duisburg und Hamm verbinden.

 
 

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