Stadt Essen will finanzielles Eigentor bei Millionenkrediten in Schweizer Franken verhindern

Schießt sich Bayern mit den Krediten ein Eigentor?
Schießt sich Bayern mit den Krediten ein Eigentor?
Foto: dpa
Die dreistelligen Millionenkredite in Schweizer Franken werden der Stadt langsam zu heiß: Die Zahl der Anbieter schrumpft, die Zinsen steigen. Jetzt will man sich die Konditionen für zweieinhalb Jahre sichern. Auch ein Ausstieg mit Verlust gilt als denkbar.

Essen. Dass man von den Münchner Bayern derzeit das Siegen lernen kann – wer wollte das bestreiten? In 25 Bundesligaspielen haben sie 67 Mal das Runde ins Eckige bugsiert, das reicht für 20 Punkte Vorsprung und den Spitzenplatz in der Tabelle. Wer mag da schon von jenem kapitalen Eigentor sprechen, das die Münchner Bayern sich mit einem Kredit in Schweizer Franken geschossen haben?

75 Millionen Euro nahm die „Allianz Arena München Stadion GmbH“ einst in eidgenössischer Währung auf, und sie dachte dabei wohl wie die Stadt Essen: Warum höhere Zinsen daheim zahlen, wenn es das Geld in Schweizer Franken zum günstigeren Zins gibt?

Wechselkurs im Keller

Die Sache war nur die: Der Wechselkurs rauschte durch die Finanzkrise in den Keller; um die für 75 Millionen Euro geliehenen 114 Millionen Schweizer Franken zurückzuzahlen, waren plötzlich 95 Millionen Euro nötig. Weg mit Schaden, dachten sie sich bei den Bayern und stiegen aus den Franken-Krediten aus. Verrechnet mit den Zinsvorteilen raunen Finanzfachleute was von einem 17 Millionen-Euro-Verlust .

In Essen fiele selbiger deutlich höher aus, aber noch steht er ja nur auf dem Papier, weil es mit Verlusten bei Währungsgeschäften so ist wie am Aktienmarkt: Solange man nicht formell aussteigt, gibt’s eben noch eine Chance, dass sich der Kurs wieder berappelt.

Alarm zur Jahreswende

Mit diesem Trost begegnete die Finanzverwaltung auch stets der Politik, die das Fremdwährungsgeschäft einst zwar selbst beschloss, mittlerweile aber wohl bitter bereut. Und die nun nicht ohne Stirnrunzeln registriert, dass auch das Aussitzen des Problems zum Problem werden könnte. Denn für die Stadt wird es immer schwieriger, ihre Kredite in Schweizer Währung – immerhin reden wir hier über 450 Millionen Franken – zu so günstigen Konditionen zu verlängern, dass der Zinssatz noch unter dem für Kredite in Euro liegt. Ursächlich dafür ist der Rückzug einiger Banken vom Geschäft, das die Stadt Essen zuletzt meist mit der Deutschen Bank, der NRW-Bank und der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) machte.

Ein enger Markt aber lässt den Zinsvorteil schrumpfen – so weit, dass es um die Jahreswende sogar schon mal eine Situation gab, wo der Zinsvorteil futsch war.

An dieser Stelle läuten die Alarmglocken in der Finanzabteilung des Rathauses, denn bei aller in diesen Tagen auch durchaus berechtigten Hoffnung, dass sich der Kurs des Euro zum Franken wieder erholt und man einfach nur Geduld haben muss – „ich kann die Sache ja nur aussitzen, wenn ich nicht noch jeden Tag Geld mitbringen muss“, sagt Stadtkämmerer Lars Martin Klieve.

Denn warum sollte man einen Kredit in Schweizer Landeswährung aufnehmen, wenn er keinen Zinsvorteil mehr, sondern nur ein Wechselkursrisiko mit sich bringt? „Das wäre hochspekulativ“, sagt Klieve – und für ihn der späteste Zeitpunkt, um dem Rat der Stadt im Zweifel sogar nahezulegen, die auf dem Papier bereits verbuchten Verluste auch zu realisieren. Wie die Bayern aus München.

Ein fester Zins bis Oktober 2015

So weit aber ist es noch nicht gekommen, im Gegenteil: Der Zinsvorteil ist aktuell noch (oder eher: wieder) vorhanden. Und wiewohl es „besser werden kann“, wie der städtische Finanzchef einräumt, „es darf eben nicht schlechter werden, darum machen wir den Sack jetzt zu“: Für zweieinhalb Jahre, bis Mitte Oktober 2015, will man sich das aktuelle Zinsniveau sichern, so lange läuft ein Absicherungsgeschäft: ein Payer-Zinsswap mit einem Festzins von 0,9525 Prozent, eines dieser Finanzmarkt-Produkte, bei dem Skeptiker für gewöhnlich Schnappatmung bekommen. Hilfreich gleichwohl, um nicht in die finanzielle Abseitsfalle mit steigenden Zinsen zu geraten.

Das Zinssicherungsgeschäft deckt allerdings nur den Löwenanteil der Kredite über knapp 330 Millionen Schweizer Franken ab. Weitere 120 Millionen bleiben „unbesichert“, ein Risiko in zweistelliger Millionen-Höhe, würde man aussteigen.

Aber das will Klieve nicht. Er glaubt nach wie vor, dass die Chance zur Wertaufholung noch nicht vollends vergeben ist. Der Euro-Kurs in Schweizer Franken hat sich auch schon leicht erholt, von 1,209 am Jahresende auf 1,236 gestern. Bei 1,373 käme die Stadt plus-minus-null aus der Sache raus. Aber bevor der anno 2013 erreicht wird, vergeigt Bayern noch die Meisterschaft.

 
 

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