Sehen und gesehen werden

Vorsicht, toter Winkel. Diese Kinder sind im Lkw-Außenspiegel nicht mehr zu sehen. Das ist auch ein wichtiges Thema im Verkehrsunterricht der Polizei.
Vorsicht, toter Winkel. Diese Kinder sind im Lkw-Außenspiegel nicht mehr zu sehen. Das ist auch ein wichtiges Thema im Verkehrsunterricht der Polizei.
Foto: Rolf Schmallzgrüber

Essen. Der Blick in den Spiegel ist manchmal trügerisch. Weil man nicht alles sieht, was man sehen müsste. Und das kann tödlich enden.

Fehler beim Abbiegen und Wenden stehen in Essen ganz oben auf der Liste der Hauptunfallursachen. 1154 Unfälle geschahen deshalb allein im Jahr 2013. „Eine große Zahl der Abbiege-Unfälle ist auf den toten Winkel zurückzuführen“, berichtet Karl-Heinz Webels, Vorsitzender der Essener Verkehrswacht.

Doch trotz mehrerer Kampagnen – zuletzt im Sommer mit Warnaufklebern auf allen 186 Evag-Bussen – wird die Gefahr weiter unterschätzt. Ein Fahrer kann beim Blick in den Außenspiegel nicht in jeden Winkel schauen. „Toter Winkel“ wird der genannt. Der ist so groß, dass im ungünstigsten Fall selbst eine Ansammlung von zehn bis 15 Kindern im Außenspiegel nicht mehr zu erkennen ist. Webels: „Die sind aus dem Blickwinkel einfach verschwunden. Das ist erschreckend. Denn gerade Ältere und Kinder glauben: Der sieht mich doch!“

Fußgänger und Radfahrer besonders gefährdet

Der Verkehrswacht-Vorsitzende kündigt deshalb für nächstes Jahr weitere Aufklärungsaktionen in Essen an. „Wir müssen dieses Thema weiter vorantreiben.“ Und jetzt – in der „hektischen“ Weihnachtszeit – appelliert er nochmals an die Verkehrsteilnehmer, besonders achtsam im Straßenverkehr zu sein und dafür zu sorgen, die anderen rechtzeitig zu sehen – und gesehen zu werden. Erst am 3. Dezember hatte der Fahrer eines Sattelschleppers in Karnap beim Abbiegen eine 42-jährige Radlerin, die auf gleicher Höhe fuhr, übersehen und schwer verletzt.

Radfahrer und Fußgänger sind die „schwächsten Verkehrsteilnehmer“, betont Polizeisprecher Marco Ueberbach. Eine Kollision mit einem Auto oder gar Lkw führt fast immer zu schweren Verletzungen. Ob beim Spurwechsel, beim Abbiegen oder beim Anfahren aus einer Parklücke – der nicht vorrangberechtigte Verkehrsteilnehmer muss dabei immer dafür sorgen, dass er nicht andere behindert oder gefährdet. Er kann sich auch später nicht darauf berufen, jemanden nicht gesehen zu haben, weil der sich im toten Winkel befand. „Ein Schulterblick ist immer zwingend erforderlich“, sagt Polizeisprecher Marco Ueberbach. Nur so kann man sich vergewissern, dass da auch wirklich keiner ist.

Blickkontakt aufnehmen!

Bei Tote-Winkel-Unfällen sind, so Webels, „alle Verlierer“. Der Kraftfahrer als Unfallverursacher, weil er sich keinen Überblick verschafft hat – sowie der Fußgänger oder Radfahrer als „Opfer“. Den Verkehrsteilnehmern, die in einen „toten Winkel“ geraten können, rät er, nicht immer auf ihr Vorrang-Recht zu setzen. „Die eigene Gesundheit ist wichtiger.“ Radfahrer und Fußgänger sollten sich nicht darauf verlassen, tatsächlich von einem Autofahrer gesehen zu werden.

Hilfreich ist ein Blick in den Autospiegel. Sieht der Radler das Gesicht des Kraftfahrers, ist er nicht im toten Winkel. Auch ein wichtiger Tipp. „Nehmen Sie immer Blickkontakt auf, um sicher zu gehen, dass Sie gesehen worden sind“, sagt Webels. Und: Wer als Radfahrer jedes Risiko ausschließen will, für den ist es „ratsam, hinter einem Lkw zu fahren“, berichtet Polizeisprecher Ueberbach.

Dann verliert man vielleicht einige Sekunden, aber dieser Zeitverlust kann einem im Falle des Falles vielleicht das Leben retten.

 
 

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